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Die weiße Frau im Lindenberg bei Bobenhausen
Linker Hand vom Wege, wo man von Bobenhausen niedersteigt nach Höckersdorf, liegt der Lindenberg. Auf ihm hat ehedem ein Raubschloss gestanden, welches aber mit all seinen Schätzen verschwunden und für immer in den Berg versunken ist. Eine Vertiefung darin heißt die Mulle. Daraus geht die Schlüsselmagd des Schlosses hervor, welche die verwünschten Reichtümer zu bewachen hat und gerne erlöst wäre. Sie erscheint als eine weiße Frau und geht meist zur Herbstzeit um, kurz vor der Dämmerung.
Ein Bobenhäuser Mann war in Höckersdorf gewesen und ging eben bei wundervollem Mondschein wieder heimwärts. Als er auf die Wiesen unter dem Lindenberg kam, sah er eine weiße Gestalt langsam ihm entgegenschweben. Sein Herz dachte an nichts Überirdisches. Er ging ganz furchtlos seinen Pfad weiter, bis die Erscheinung vor ihm stand. Die Frau sprach kein Wort, sondern hielt ihm mit der Hand ein Gebund Schlüssel entgegen, als ob er sie nehmen sollte.
Da fing er denn an, seine Augen aufzutun und betrachtete sich die Unbekannte von unten nach oben. Füße konnte er gar nicht gewahr werden. Es hatte den Anschein, als ob sie in einem Nebel auf dem Boden stünden. Die Kleider waren wie ein Mantel um den Leib geschlagen und weiß, wie frisch gefallener Schnee. Auf dem Kopf trug sie einen großen, breiten, ebenfalls weißen Hut, der das Gesicht bedeckte.
Als ihr der Mann nun da hineinsah, schauten ihn zwei furchtbar große und hohle Augen unverwandt an, dass ihm, obwohl er kein Enggeherzter war, doch der Angstschweiß ausbrach und er mit einem Schrei und raschen Seitensprung sich über die Bach flüchtete. Als er drüben war, sah er nichts mehr. Die weiße Frau war fort, aber in der Luft hörte er noch eine Weile heftig wehklagen und weinen.
Nicht lange danach erschien dieselbe weiße Frau drei Burschen auf eben dieser Wiese. Sie ging ihnen nach und reichte flehend die Schlüssel dar. Aber die liefen Hals über Kopf nach Bobenhausen und wollten in ihrer Todesangst nichts von ihr wissen.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
