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Die Wirberger Klosterfrau

Eine dreiviertel Stunde von Grünberg, seitab von der Landstraße nach Gießen, sieht auf einer jähen, waldigen Höhe einsam die Kirche Wirberg. Neben ihr wohnt der Pfarrer mit einem einzigen Nachbar. Wie es ehedem droben ausgesehen hat, als dort noch ein reiches Stift und Nonnenkloster war, lässt sich nun fast gar nicht mehr erkennen, denn seit den Zeiten Luthers ist der Konvent aufgehoben. Die alten Gebäude sind bis auf einzelne Mauerreste völlig verschwunden. Auf der Höhe befinden sich drei Brunnen: der Molkenborn, der Katzenborn und der Klosterborn. Der Letztere ist unten im tiefen, feuchten, alten Klosterkeller, zu welchem man auf sechzehn breiten Basaltstufen hinabsteigt und in dem die Nonnen vor Aufhebung des Stiftes ihre besten Kleinodien und Kirchengefäße heimlicherweise verborgen haben sollen. In der Adventszeit geht auf dem Wirberg eine der früheren Klosterfrauen um, die ist schon manchem schreckhaft erschienen. Von der Stätte des ehemaligem Beinhauses neben der heutigen Kirche schwebt sie in durchsichtigem weißen Gewand, leise seufzend, über den Boden hin und soll jedes Mal im Klosterkeller dann verschwinden.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873


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