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Der Liederbacher Schäfer,
der alte nämlich, er ist schon längst begraben, hat es erlebt, er konnte tausend Eide darauf schwören und es auch beweisen. Es trat einmal, als er auf der Hutweide war, der Platz ist mir vergessen, aber es mochte gegen Mittag sein, unversehens eine gar liebliche weiße Jungfrau zu ihm, die sprach ihm zu, er solle das gute Werk tun und sie von ihrer Verwünschung erlösen, denn dazu sei er bestimmt.
Erstaunt fragte er, was er dazu tun könne. Sie antwortete, er solle morgen um dieselbe Zeit wiederkommen und seinen kleinen Buben mitbringen. Wenn der sie dreimal hintereinander küsse, dann höre ihr Bann auf. Als Lohn erhalte er dann die Schlüssel zum Möncheberg bei Leusel. All die versunkenen Schätze, die da von den grauen Mönchen vor Zeiten vergraben lägen, würden alle sein Eigentum. So besann sich der Schäfer nicht lange und willigte ein, das Begehren zu erfüllen.
Am folgenden Tag nahm er seinen kleinen Buben mit hinaus und wartete die Zeit ab. Auf den Glockenschlag elf kam die Jungfrau wieder aus dem Wald, ging auf ihn zu und griff nach seinem Kind. Aber dieses scheute vor ihrem fahlen Gesicht und den Augen, so groß wie eine Sackuhr, und wendete sich mit Schrecken um nach seinem Vater. Da riss der Schäfer sein Kind mit Gewalt der Jungfrau wieder aus den Armen, denn es war sein Herzblatt und ging ihm über alles.
Doch die getäuschte Jungfrau ergrimmte über die Untreue der Menschen, hob das Bund eiserner Schlüssel, das sie trug, in die Höhe und traf ihn damit so hart auf seinen Arm, dass er blitzeblaue Male davon behielt all sein Lebtag. Dann sagte sie mit klagendem Mund: »Nun muss ich wieder ohne Ruh umgehen, bis auf dem Möncheberg aus einem Haselstrauch ein dicker Baum wächst und aus seinem Holz eine Wiege gezimmert wird. Das erste Kind, das darin gewiegt wird, das wird mich dann erlösen!« Damit hob sie sich davon, und der Schäfer hat sie nie wieder gesehen.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
