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Der Geisterwagen auf dem Gebück
Ein Büdinger Steinhauer, der in der Vorstadt wohnte, wachte in der Nacht auf. Es deuchte ihm gegen fünf Uhr morgens zu sein, um welche Zeit er gewöhnlich zur Arbeit in den Steinbruch sich aufzumachen pflegte. Er tat sich also rasch an und zog die einsame Straße entlang, bis er in die Nähe des Jerusalemtores kam. Da auf einmal rasselte ein prächtiger Herrenwagen den Lohsteg daher und an ihm vorüber, gerade das Gebück hinauf, hast du nicht gesehen. Mein Steinhauer dachte: Den Weg kannst du sparen. Lauf dem Wagen nach und setze dich hinten auf, so bist du hurtig an deinem Platz!
Allein das Ding ging doch nicht so leicht, als er sich gedacht hatte. Der Wagen fuhr mit einer solchen Geschwindigkeit bergaufwärts und oben an der Stadtmauer unter den Weinbergen her, dass er jedes Mal, wenn er denselben zu erreichen glaubte, wieder weit von ihm war.
So ging sein Lauf und die tolle Fahrt weiter bis ans Bandhaus vor dem Obertor, da hinein fuhr der Wagen in vollem Galopp, und damit war alles zu Ende. Denn im selben Augenblick schlug es zwölf Uhr vom Schlossturm. Todmüde und schweißgebadet stand der Steinhauer vor der Mauer des Bandhauses. Aus demselben kam ein ungeheuer großer Hund mit feurigen Augen auf ihn losgestürzt, vor dem er eilends floh. Erst danach wunderte er sich über seine Einfalt, dass er vergessen hatte, welche Zeit es war, nämlich Advent, und dass er am Kutscher auch keine Spur von einem Kopf hatte entdecken können.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
