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Die entführte Leuchte
Dass im Linnes, beides dem großen wie dem kleinen, von Alters her es mit dem wilden Jäger nicht richtig ist, braucht man niemanden zu sagen – es ist eine weltbekannte Geschichte. Nun wollte einmal in der heiligen Adventszeit von Grünberg aus ein Mann von Nieder-Ohmen bei sehr dunkler Nacht wieder heimwärts und hatte sich aus Vorsorge, um nicht im Wald des rechten Weges zu fehlen, eine Leuchte mitgenommen.
Ehe er aber noch in denselben kam, entstand ein furchtbarer Sturm in der Luft. Er hörte über sich ein Heulen und Pfeifen, das ihm artlich genug vorkam, doch ging er tapfer seines Weges weiter. Auf einmal, als er kaum den Wald betreten hatte, hörte er eine Koppel Hunde wütig um sich her bellen, Geiseln platzten, Stimmen riefen, sehen aber konnte er trotz alledem nichts. Gleich danach stand er still im Dunkeln, denn seine Leuchte war fort. Er konnte gar nicht begreifen, wie sie ihm aus den Händen gekommen war.
Was tun? Zitternd tappte er sich, so vorsichtig wie möglich, durch die Düsternis des Waldes weiter fort. Über ihm schlugen die Äste der Bäume gegeneinander, als sollten sie alle umfallen. Das zuerst gehörte unheimliche Wesen aber verzog sich immer mehr in die Ferne. Allgemach gelangte er aus dem verrufenen Revier heraus und erreichte, am ganzen Leibe bebend wie Espenlaub, das blache Feld.
Nachdem er hier wieder ein gutes Stück fortgegangen war, sah er auf einmal vor sich auf der Straße etwas blinken. Er kam dem Ding näher und näher, und siehe da – es war seine Leuchte, die ihm auf eine unerklärliche Weise aus den Händen gekommen war. Sie war vollständig unversehrt. Das wilde Heer hatte sie ihm also über eine Stunde Wegs weit mitgenommen. Als er dies alles so recht innewerde, griff er rasch zu und tummelte sich, was er nur konnte, dass er davonkam. Die Nachtwanderungen durch das Linnes aber hat er seitdem grundmäßig aufgesteckt.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
