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sagen:ohsb034

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Der wilde Jäger zieht in die Wetterau

So ein Schäfer erlebt allerlei, was andere Leute sich gar nicht vorstellen können. Zum Exempel: Der alte Eschenröder Schäfer, Gott habe ihn selig, lag in seiner Schäferhütte im Feld. Es war der heilige Abend vor dem ersten Advent und noch gar nicht spät am Abend. Man konnte noch alles ganz deutlich sehen, aber ein sölcher (so schrecklicher) Sturm, der gedenkt einem.

Da rief mit einem Mal eine furchtbar laute Stimme vom Wald an der Maalsbach herüber: »Schäfer, Schäfer, weise mir den Weg!«

Mein Schäfer steht auf und guckt zu der Gegend, von wo die Stimme kam. Da sieht er einen einzigen Mann mit einem gewaltigen Hund am Waldrand auf und ab gehen.

Er ruft also: »Woher kommst du?«

»Von oben her!«

»Wo soll es hinausgehen?«

»In die Wetterau!«

Indem kroch der Schäferhund unter der Hütte hervor und seinem Herrn mit ängstlichem Gewinsel unter die Beine. Da ging dem erst ein Nachtlicht auf über die sonderbare Begebenheit – den grausamen Wind, den Jäger, die übermenschliche Stimme. Hurtig stieg er in seine Hütte und schloss das Türchen fest zu. Noch lange hörte er rufen: »Schäfer, Schäfer!« Immer schwächer wurde Sturm und Stimme, bis der unheimliche wilde Jäger auf seinem Auszug hinab in die Wetterau gelangt war.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873


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