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Drei Männer im Geiselstein
Der Geiselstein mit seinen zackigen Felsen ragt einsam auf der Heide im hohen Oberwald empor, und von ihm erzählt man allerlei Geschichten. Große Reichtümer liegen unter ihm begraben, die zeigt alle sieben Jahre ein blaues Flämmchen an. Die Wiese vor ihm heißt die Goldwiese und der Born darauf der Goldborn. Seit alten Zeiten ist es dort nicht geheuer, und der wilde Jäger lässt sich oft spüren.
Einem alten Kohlenbrenner begegnete da einmal etwas gar Merkwürdiges. Der Mann stand nämlich an seinem Meiler und hatte seine Arbeit. Es war in der Mittagszeit, und er schaute zufällig zu dem Geiselstein. Da stieg mitten aus dem Felsen ein ganz dünner feiner Rauch auf. Das nahm ihn Wunder, und er machte sich herzu, zu sehen, was es wäre. Als er vor die Felsen kam, war eine weite Höhle da, die er all sein Lebtag noch nie gesehen hatte. Darin war ein großes Feuer angemacht, um welches drei uralte Männer mit langen schneeschloßenweißen Bärten lagen und in gar seltsamer altmodischer Kleidung.
Der Kohlenbrenner dachte nichts Arges und hielt die Alten für fahrende Leute, wie sie im Vogelsberg damals gar dick (mundartlich für oft oder häufig) umzogen, und rief ihnen zu: »Nehmt Euch in Acht, dass Ihr nicht gefasst werdet, hier habt Ihr nichts zu tun!«
Aber die Alten starrten ihn ganz ungläubig an, sprachen kein Wort, schüttelten nur ihre kahlen Köpfe – und alles war in einem Nu weg, wie geblasen. Mein Mann stand vor dem Geiselstein, der sah aus, wie er immer ausgesehen, und wusste nicht, ob er gewacht oder geträumt hatte.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
