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Die verwiesene Wirthin vom Klausthal

Eine Wirthin auf Klausthal hatte mancherlei Schlechtigkeiten ausgeübt und besonders die Milch, welche sie den armen Leuten verkaufte, mit Buttermilch verdünnt. Darum konnte sie sich nach ihrem Tode nicht zur Ruhe geben und vollführte einen großen Lärm in ihrem Hause. Nun ist ein Soldat gewesen, der ist mit einem andern Soldaten auf Urlaub nach Klausthal gekommen. Hier hat seine Braut in jenem Wirthshause gedient, wo die Wirthin gestorben ist. In dies Wirthshaus ist der Soldat immer hingegangen und die Magd hat ihm allerlei Speisen in ein kleines Hinterstübchen gebracht. Eines Abends ist der Soldat durchs Fenster in diese Stube gestiegen, da kommt die Hausfrau im weißen Gewand herein und geht walten. Sie hält dabei den Kopf in der Hand, wie er auch gethan hat, und sieht ihn groß an. Er resolvirt sich kurz, zieht den Hirschfänger heraus und sticht zu, sodaß der Hirschfänger in der Wand steckt. Da bekommt er eine Ohrfeige an der rechten Backe und die Dienstmagd, die eben hereintritt, erhält eine an der linken. Damit ist das Gespenst verschwunden. – Dieser nämliche Soldat hat dann auch die Frauensperson verweisen sehen. Er sitzt mit dem andern Soldaten, den er von nun an aus Furcht immer mitnahm, in der kleinen Stube. Da geht die Thür auf, kommt der Gastwirth herein, hat einen kleinen Tisch, darauf deckt er eine weiße Serviètte. Auch legt er auf den Tisch ein großes Buch. Der Wirth sagt, sie möchten nur sitzen bleiben; so bleiben sie sitzen. Es dauert nicht lange, so kommt eine Kutsche gerattert, darin sitzt ein Pater, der hat sie sollen verweisen, und ist noch hinter Osnabrück hergekommen. Schon vorher waren zwei Pater nacheinander vergeblich herbeigeholt. Die Wirthin hatte nämlich dem einen vorgehalten, daß er Möhren gestohlen, dem andern, daß er ein Nähnadelbesteck entwendet habe. Dadurch verloren sie die Macht über sie, mußten das Klausthal unverrichteter Sache verlassen und sogar die Reisekosten selbst tragen. Wie nun dieser dritte Pater eintritt, so stehen die beiden Soldaten auf. Der Pater aber sagt: bitte, sie möchten nur sitzen bleiben, aber ja sich nicht regen, so könnten sie dies mit anschauen. Natürlicherweise hat der Wirth sogleich einen Stuhl parat gestellt, wo der Pater sich darauf setzt. Nun nimmt er das dicke Buch, das der Wirth auf den Tisch gelegt hat, liest rückwärts darin und citirt dadurch die Wirthin. So klopft etwas an und der Wirth ruft herein. Dies ist nun die Wirthin gewesen: doch hat sie vor diesem Pater sogleich Furcht gehabt und wollte anfangs nicht zu ihm aufs Stübchen. Nun hält aber der Pater sein weißes Taschentuch zur Thüre hinaus, daran faßt die Frau an und daran zieht er sie nun mit Gewalt herein. Dann stellt er sie in einen Kreis, den er neben seinem Tische gezogen hat. Nun erzählen Einige, sie habe auch diesem Pater Verschiedenes vorgehalten, zum Exempel: er habe da und da einen Pfennig weggenommen. Dafür habe er sich eine Schreibfeder gekauft, habe der Pater gesagt, und da habe sie ihn deshalb nicht verwerfen können. Andere wollen wissen, daß dieser Pater noch nie das Geringste entwendet gehabt hätte. Kurzum, die Wirthin kann dem Pater nichts anhaben. Weil sie nun sieht, daß der Pater Macht hat, sie zu verweisen, so bittet sie ihn, er möge sie doch unter die Dachspitze verweisen. Er spricht aber: kein Pardon; darauf bittet sie, er möge sie unter die Hausschwelle verweisen. Er bleibt aber dabei: kein Pardon, und verweist sie ins Rothe Meer. Da sie heulend sagte, daß sie den Weg nicht wisse, schrieb er ihr vor den Weg die goslarsche Straße herunter, über das Zellerfeld, den Auerhahn und dann zunächst nach Goslar. Auch sagte er ihr, daß er in seiner Kutsche, die er vor dem Hause stehen hätte, ihr nachfolgen und in Goslar noch einmal mit ihr zusammentreffen würde. Darauf aber commandirte er, wie die Soldaten nachher berichteten: Marsch fort ins Rothe Meer. Da machte er die Thür auf und sagte zu den Soldaten, sie möchten einmal hinter ihr her sehen. Da fährt sie die Straße herunter wie ein glühendes Feuerrad. Auch der alte Meister eines Schuhmachers, welcher seinem Lehrlinge von der Sache erzählte, hatte noch das Geschrei und Windbrausen vernommen, als die verwiesene Frau sich auf den Weg nach dem Rothen Meere machte. Auch hat er den Pater in die Kutsche einsteigen und ihr wirklich nachfahren sehen, nachdem er sich zuvor von dem Wirthe das Geld hatte auszahlen lassen. Ob der Pater sich nur in Goslar noch einmal mit der Verwiesenen besprochen hat, oder ob er mit ihr bis ms Rothe Meer gereist ist und sich selbst überzeugt hat, daß sie sein Gebot erfüllte, wußte der Meister nicht zu sagen.

Quellen:


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