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Mutter verlangt ihr Kind
Mündlich
In Jugenheim war eine Frau im Kindbett gestorben und wurde auf den neuen Kirchhof begraben, der wie alle neuere Kirchhöfe nach dem Willen des modern heidnischen Aberglaubens (dem zufolge die Anlage von Kirchhöfen um die Kirche der Gesundheit schädlich ist) außerhalb des Dorfes liegt. In der ersten Nacht nach dem Begräbnißhörte eine Frau, welche noch spät an dem Friedhof vorbei- ging, eine jammernde Stimme auf demselben, die rief: „Gebt mir mein Kind! Ich will mein Kind!“ Am folgenden Tag erkrankte das Kind und wurde immer schwächer. Das vernahm die Frau und ging Abends in die Nähe des Friedhofs, um zu hören, ob die Stimme sich wohl wieder vernehmen ließe, denn ihr Mann, der an solche Dinge nicht glaubte, hatte ihr gesagt, das sei wohl irgend ein anderes Weib in der Nähe des Gottesackers gewesen. Aber da winselte es abermals: „Gebt mir mein Kind! Ich will mein Kind!“ und zwar so jämmerlich, daß es die Frau nicht anhören konnte und schnell davon lief. In derselben Nacht noch starb das Kind und seitdem hatte die todte Mutter Ruhe und ließ die Stimme sich nicht mehr hören.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
