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Kuckuck
Die Griesheimer werden spottweise „Kuckuck“ gerufen, das schreibt sich davon her: Sie hatten einmal einen Kuckuck gefangen und hielten den für eine so große Naturmerkwürdigkeit, daß sie ihn durch eine Deputation feierlich dem Landgrafen überbringen ließen. Der Landgraf that, als ob er das Thier sehr bewundere und sprach: „Ihr könntet mir noch eine Freude machen, wenn ihr mir auch das Nest des raren Vogels bringen und mir zum Geschenk machen wolltet.“ „Das müssen wir erst mit unsern Mitbürgern berathschlagen,“ sprachen die Deputirten und gingen nach Griesheim zurück.
Dort wurde sogleich der Gemeinderath zusammenberufen und ihm die Frage vorgelegt. Sprach der Bürgermeister: „Das Nest des raren Vogels ist das ganze Eichenwäldchen drüben, wie sollen wir dieß nun nach Darmstadt bringen?“ Sie beriethen drei Tage darüber, machten an Ort und Stelle selbst Pläne, aber es wollte nicht gehn. Da schickten sie die Deputation wieder zum Landgrafen und ließen ihm sagen, das Nest gäben sie ihm gern, aber er müsse es sich selbst holen. Nachdem der Landgraf herausgebracht, was sie unter dem Nest verstanden, sprach er: „Er danke für das schöne Geschenk, aber er wolle der Merkwürdigkeit willen das Nest da lassen, wo es Gott hingesetzt habe.“
So verloren die Griesheimer den schönen Eichenwald und erwarben sich als Ersatz dafür den Spottnamen „Kuckuck“.
Andere sagen, die Griesheimer hätten gehört, die Landgräfin wolle sich eine Kuh halten und hätten ihr aus angeborner Liebe für ihre Fürstin eine Wiese geschenkt, damit die Kuh darauf weiden könne. Da hätte einer gesagt, wenn die Landgräfin eine Kuh halte, dann müsse man, um dem Landgrafen auch eine Freude zu machen, ihm zwei geben. „Was sagt ihr?“ fragte der Bürgermeister, der nicht gut hörte. „Wovon ist die Rede für den Landgrafen?“ „Von der Kuh, Kuh!“ schrie der andre. „Recht so,“ sagte der Bürgermeister „wir wollen es im Rath verhandeln“ und schlug dem Gemeinderath vor, dem Landgrafen einen, „Kuku'“ zu schenken und damit derselbe auch seinen Unterhalt habe, das Eichwäldchen dazu, welches dann der Landgraf mit gnädigstem Dank angenommen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
