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sagen:hsw258

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Die Störche werden gejagt

Man hat nicht gern, wenn sich zu viel Störche zeigen. Das war auch einmal in Griesheim der Fall und darum beschloß der Rath, sie zu vertreiben. Er hieß also den Gemeindediener, sie mit dem Stock zu verfolgen, wo sie sich sehen ließen. Da klagten aber die Bauern bald, ihr Korn werde zertreten, die Oelsaat und der Hanf ginge zu Grunde u. w. m.

Der Rath versammelte sich und berieth, was zu thun sei, damit der Mann, der die Störche auf den Aeckern verfolge, nichts zertrete. Lange sannen sie nach, bis einer rief: „Ich hab's.“ Er hieß eine Leiter bringen, darauf wurde der Gemeindediener gesetzt und zwölf Mann mußten ihn tragen. Also zertrat er kein Hälmchen mehr und ganz Griesheim erstaunte über die Weisheit des Rathes und lief hinaus, um das Storchtreiben zu sehen. Während der Ortsdiener aber einen Storch vor sich her trieb, ging ein anderer der Leiter nach und klapperte, als ob er ihn verhöhnen wollte. Da rief der Bürgermeister: „Auf ihr Leute, holt noch eine Leiter, ich setze mich darauf, denn meine Pflicht ist, für euer Wohl zu sorgen.“ Und von zwölf andern Männern getragen, wehrte er von der Leiter herab den Störchen und hätte einen derselben fast todtgeschlagen, wenn er nur ein wenig rascher gewesen wäre.

Dieses schöne Beispiel konnte nicht ohne Nachfolge bleiben; bald saßen alle Gemeinderäthe auf Leitern und die Griesheimer hatten die freudige Genugthuung, durch diese edle That des Ortsvorstandes die Aecker am einen Ende des Orts einen ganzen Tag frei von den Störchen zu sehn. Zwar war Alles, wo sie trugen, zertreten, aber dafür hatte man den Störchen die Lehre gegeben, daß man sich nicht ungestraft von ihnen verhöhnen lasse.

Quellen:


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