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Conrad von Tannenberg

Vor alten Zeiten lebte in der Burg Tannenberg an der Bergstraße ein Ritter, der hieß Conrad und hatte eine eben so schöne, als fromme Gemahlin, welche Ann-Els hieß. Als diese einmal sehr bedenklich erkrankte, tat er das Gelübde, wenn sie wieder gesunde, wolle er eine Wallfahrt nach dem heiligen Grab unternehmen und dort gegen die Ungläubigen kämpfen. Und siehe, Ann-Els genas bald darauf. Nachdem sie vollkommen hergestellt war, machte sich der Ritter bereit, seine Pilgerfahrt anzutreten. Er nahm unter vielen Tränen Abschied von seiner Frau und zog dahin zum Meer, wo er sich mit anderen Gefährten, die er unterwegs gefunden hatte, einschiffte.

Auf dem Meer wurde das Schiff von Seeräubern angefallen, er nebst seinen Genossen gefangen genommen und an einen vornehmen Türken als Sklave verkauft. Jahr um Jahr verging, ohne dass seine Gemahlin Nachricht von ihm empfing. Und da sie reich begütert war, so fehlte es nicht an Heiratsanträgen von den Rittern aus der Nachbarschaft, doch sie ging auf nichts ein und wies alle zurück, was ihr Hass und Feindseligkeit in reichem Maß eintrug.

Da hörte sie eines Tags von einem anderen Pilger, welcher aus dem Gelobten Land heimkehrte, dass ihr Mann in der Gefangenschaft bei den Türken schmachte und sie beschloss, ihn zu retten, koste es, was es wolle. Sie legte Männerkleider an, nahm ihre Harfe, welche sie sehr schön zu spielen verstand und reiste über das Meer in die Türkei. Glücklich dort angekommen suchte und forschte sie so lange nach ihrem Mann, bis sie seinen Aufenthalt erfuhr. Da trat sie eines Tags vor den Türken, seinen Herrn, und spielte so wunderschöne Weisen auf ihrer Harfe und sang so entzückend dazu, dass der Türke rief, sie solle sich einen Lohn selbst erbitten und was sie auch immer begehre, er werde es ihr geben.

Da sprach sie: »Ich bitte nur um einen Sklaven, der mir diene« und wählte sich unter den Sklaven einen aus, das war ihr lieber Mann. Sie gab sich ihm jedoch nicht zu erkennen, sondern hielt ihn stets fern von sich. Als sie die Meerfahrt überstanden hatten und wieder auf christlichem Boden standen, da schlich sie sich gar heimlich fort, nachdem sie ihm eine Summe Geldes hinterlassen, und eilte so schnell sie konnte nach Hause zurück.

Nicht lange nachher kam auch Conrad auf dem Tannenberg an und wurde von seiner Gemahlin freudig und festlich empfangen. Alle Ritter aus der Umgegend kamen auf die Burg und beglückwünschten ihn. Bei dem Essen erzählte Ritter Conrad von seinen Abenteuern, wie er gefangen genommen, misshandelt und so wunderbar gerettet worden sei. Da raunten einige von den Rittern, deren Hand Ann-Els ausgeschlagen hatte, ihm ins Ohr, seine Frau sei unterdessen in Männerkleidern im Land herumgefahren und habe ein unzüchtiges Leben geführt. Conrad fuhr erzürnt empor, als er dies vernahm, zog sein Schwert und wollte Ann-Els töten. Doch sie floh in ihre Kammer und riegelte die Tür zu, sodass er ihr nichts anhaben konnte.

Nicht lange danach trat sie in den Kleidern, worin sie Conrad befreit hatte, und mit ihrer Harfe in den Saal, wohin er zurückgekehrt war und spielte eine Weise. Da sprang Ritter Conrad auf, um dem Sänger in die Arme zu stürzen. Aber dieser warf die Kleider ab und da stand die treue Ann-Els da. Wie Conrad da erst glücklich war, ist unnötig zu sagen, ebenso dass sich die Ohrenbläser baldmöglichst aus dem Staub machten und sich nicht weiter sehen ließen, am allerwenigsten, dass das Fest noch ungleich schöner und freudiger endete, als es angefangen hatte.

Quellen:


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