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Gott lässt sich nicht irren
Das ist ein altes Sprich- und Wahrwort. Ein Mädchen in Bickenbach ging mit einem Kind, wollte dessen aber nicht Wort haben, denn sie fürchtete sich vor der Kirchenbuße und der ihr daraus erwachsenden Schande. Darum leugnete sie es überall ab, was töricht genug war, weil es doch nicht verborgen bleiben konnte. Da ließ der Pfarrer sie zuletzt rufen und fragte sie, wie es sich damit verhalte, sie solle ihm reinen Wein einschenken. Sie aber sprach: »Wenn ich nicht ganz unschuldig bin und mit einem Kind gehe, dann soll mich die Sonne nicht mehr bescheinen.«
»Dann glaube ich es dir«, sagte der Pfarrer und entließ sie.
Wenige Monate nachher aber kam die Wahrheit zutage und die Strafe folgte auf dem Fuß. Das Mädchen war aber Wärme bar und fror im heißesten Sommer.
Es haben vor Jahren noch alte Leute gelebt, die sie gesehen hatten, wie sie mitten im glühendsten Sommerbrand zitternd vor Kälte saß und rief: »Ach lieb Sönnchen, bescheine mich! Ach lieb Sönnchen, bescheine mich!« Es hat aber alles nichts geholfen und sie musste die Strafe tragen bis zu ihrem Tode.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
