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Reise nach Venedig

Zum Müller in Flarsheim bei Westhofen kam jedes Jahr im Mai ein schöner Mann mit einem Maulesel, der zwei Fässchen trug. Dann freuten sich die Knechte und Mägde, denn dann gab’s Trinkgelder vollauf, und auch sonst belohnte der Mann jeden Dienst, als ob er ein Prinz gewesen wäre. Da kam auch einmal die Rede auf Venedig und der Müller meinte, das müsse doch eine schöne Stadt sein.

»Das glaube ich auch«, sprach der Fremde und erzählte so viel von den Herrlichkeiten Venedigs, von seinen schönen Kirchen und Schlössern.

Des Müllers Sohn rief ein über das andere Mal aus: »Ei, das möchte ich doch sehen, da möchte ich auch einmal hin.«

»Das kannst du haben«, sagte der Fremde, »und es kostet dich selbst nicht einen Heller. Aber du musst erst trocken hinter den Ohren sein.«

Der Sohn wuchs heran, der alte Müller starb. Einige Jahre danach heiratete der Sohn, und wie der Fremde vorher bei dem Alten eingekehrt war, so kam er jetzt mit seinem Maulesel und den zwei Fässchen zu dem jungen Müller.

Eines Tags sagte er: »Nun, habt Ihr noch Lust, einmal nach Venedig zu reisen?«

»Ja, wer dazu Geld hätte«, erwiderte der Müller.

»Wie ich Euch schon früher sagte«, antwortete der Fremde, »es soll Euch nichts kosten und Ihr logiert bei mir.«

»Ei, dann nehm’ ich’s mit Dank an«, meinte der Müller.

Als nun die Zeit herankam, wo der fremde Mann gewöhnlich wegzugehen pflegte, fuhr der Müller eines Morgens früh mit Mehl nach Alzey. Unterwegs musste er über einen Kreuzweg, an dem ein Birnbaum steht. Aber an der Stelle erhob sich plötzlich ein Wind, ergriff ihn und führte ihn durch die Luft fort. Ehe sich’s der Müller versah, stand er in einer prächtigen Stadt vor einem Marktbrunnen, der von purem Marmor war. Auf dem Brunnen stand aber mit großen Buchstaben geschrieben: Venezia. Noch stand er da und betrachtete den Brunnen und die Schlösser, welche um den Markt herum lagen, als ihn jemand hinten an den Schultern packte, ihn nach einer Straße zu drehte und so vor sich hin schob. In der Straße ließ dieser ihn los. Als der Müller aber umschaute, war der Mann verschwunden. Er ging in der Straße weiter und sah ein stolzes, prächtiges Schloss, so schön, wie ihm noch keines vor die Augen gekommen war.

Daraus trat ein schöner Herr in prächtigen Kleidern, welcher ihn fragte: »Nun, Müller, wen sucht Ihr?«

»Ja, wen ich suche«, sagte der Müller.

Aber da lachte der Herr laut auf und fragte: »Kennt Ihr mich denn nicht?«

»Ich wüsste nicht«, antwortete der Müller, »ich komme eben aus dem Reich und weiß nicht, wie ich hierher geführt worden bin.«

»Kennt Ihr denn den Mann nicht mehr, der Euch jedes Jahr besucht hat?«, fragte der Herr. Da schaute der Müller ihm schärfer ins Gesicht, aber er konnte sich doch nicht erinnern, ihn gesehen zu haben, er war auch noch allzu sehr verwirrt.

»Dann geht mal mit mir in mein Haus«, sprach der Herr und führte ihn in einen prächtigen Saal, ging aber selbst in ein Nebenzimmer, aus dem er gleich danach in seinem linnenen Kittel wieder hervorkam.

»Aha«, rief der Müller erfreut, »jetzt kennen wir uns«, und schüttelte ihm treuherzig die Hand.

Der Müller blieb vier Wochen bei ihm, und der Herr zeigte ihm die ganze Stadt und fuhr mit ihm in der ganzen Gegend herum, wo nur etwas zu sehen war. Er sagte ihm auch, jetzt komme er nicht mehr ins Reich, denn er habe sich in den Jahren bisher Gold genug da geholt, mehr als er verbauen und verzehren könne.

Als der Müller fragte, wo das Gold denn liege, sprach der Herr, das sei ein Geheimnis, aber im Reich stecke noch mehr Gold in der Erde, als man denke und er sei es nicht allein, der seinen Reichtum da geholt. Dann beschenkte er ihn reichlich und führte ihn eines Morgens wieder auf den Platz vor den Marktbrunnen. Als der Müller nach den Bildern an dem Brunnen schaute, warf der Herr ihm rasch einen Sack über den Kopf, der Wind erhob sich wieder und etwa eine dreiviertel Stunde später fand der Müller sich unter dem Birnbaum wieder. Er traute anfangs seinen Sinnen nicht und rieb sich lange die Augen. Als er aber, um der Sache ganz gewiss zu werden, in seine Taschen griff, da waren Hände voll Gold darin. Er eilte Hals über Kopf nach Hause, wo ihn seine Frau, welche ihn bereits für tot geglaubt hatte, mit freudigem Erstaunen empfing. Da erfuhr er auch, dass er nicht vier Wochen, sondern vier Monate unterwegs gewesen war. Vom Gold, welches er mitgebracht hatte, baute er die alte Mühle neu auf und behielt noch ein solches Sümmchen übrig, dass er für den wohlhabendsten Mann in der ganzen Gegend galt.

Quellen:


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