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sagen:hsw190

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Der Schatz im Schloss zu Darmstadt

Landgraf Ludwig VIII. lag eines Nachts in seinem Bett, da hörte er ein Geräusch in dem Zimmer. Und als er um sich schaute, sah er einen geisterhaften Mann, der vor seinem Bett stand und ihm mit der Hand winkte, mit ihm zu gehen. Obgleich nun, wie jedermann weiß, der Landgraf ein Herr war, der keine Furcht kannte, so zögerte er doch und schlug es dem Geist ab.

Am anderen Morgen ließ er seinen Hofprediger kommen und erzählte demselben von der Erscheinung, fragte ihn auch, ob er der Aufforderung des Geistes folgen solle. Der Prediger stimmte ein, sofern der Geist kein böses Begehren an ihn stelle, vielleicht sei ja der Landgraf zu dessen Erlösung berufen. Als nun in der folgenden Nacht der Geist sich abermals zeigte, erhob sich der Landgraf, zog sich an, nahm seinen Stock, ein schönes spanisches Rohr, und folgte ihm. Da führte ihn der Geist in die Gewölbe unter dem Schloss, die so ausgedehnt sind, dass sich einmal ein Maurer darin verirrt hat und lange nicht herauskommen konnte. Auch sagt man, es führe aus ihnen ein unterirdischer Gang bis in die Tanne, nach anderen bis an den Herrgottsberg, wo man noch heutzutage die Öffnung eines Ganges sieht. Lange gingen sie in den Gewölben fort, da wurde es lichter um sie, ohne dass der Landgraf unterscheiden konnte, woher das Licht kam. Er stand aber in einem großen, runden Gewölbe und rings an den Wänden sah er große Fässer stehen, welche mit Geld gefüllt waren. Da lehnte er den Stock an die Wand und ging umher, sich die Fässer näher anzuschauen.

Das dauerte eine Weile, da sprach der Geist: »Siehe, dieser ganze Schatz ist deinem Sohn bestimmt, du genießt nichts davon. Jetzt aber komm, denn meine Zeit ist abgelaufen.«

Der Landgraf ging mit dem Geist zurück, vergaß jedoch in der Eile, seinen Stock wieder zu nehmen und kam also auf sein Schlafzimmer, wo der Geist verschwand.

Morgens wäre er fast versucht gewesen, die ganze Geschichte für einen Traum zu halten, wenn ihm nicht sein spanisches Rohr gefehlt hätte. Das aber war verschwunden und nirgends zu finden. Er ging nun, von mehreren Maurern begleitet in die Gewölbe und suchte, ob er den Weg, den er nächtens gegangen war, wiederfinden würde. Doch das war unmöglich. Da hat er denn die ganze Sache zu Protokoll gegeben und dazu gesetzt, er könne sie mit einem Eid bekräftigen.

Sein Sohn und Nachfolger, Ludwig IX., war zwar ein vortrefflicher Fürst, hatte aber nicht des Vaters Mut und Entschlossenheit. Weil er nun die Geschichte von dem Geist wusste, hat er nie auch nur eine Nacht in dem Schloss schlafen wollen, sondern meist in Pirmasens und anderswo gewohnt.

Quellen:


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