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Vom Reichelsheimer Schlösschen
Zu verschiedenen Malen hörte der auf dem Reichelsheimer Schlösschen wohnende Verwalter zu nächtlicher Weile ein gewaltiges Getös auf dem Fruchtspeicher, gerade als wenn ein Wagen mit Korn darauf herumgefahren würde. Zu anderer Zeit gab es im Keller einen großen Lärm, wie wenn ein Küfer an den Fässern klopfte. Nie aber war ein sichtbarer Urheber des Unfugs zu entdecken.
In einer mondhellen Nacht stand der Verwalter im Obstgarten hinter dem Schlösschen auf der Lauer, um einen Apfeldieb zu erwischen. Da sah er plötzlich oben in einem Fenster des Hinterbaus einen alten Mann in schwarzer altfränkischer Tracht ganz gemächlich herauslehnen.
Der Jäger, der oben wohnte, ein wilder und roher Mann, der an Nichts glaubte, saß eines Abends mit einem Bekannten unter einem Baum vor dem Schlösschen und sprach frevelhaft, wenn es noch einen Geist gebe, so seile er nur herkommen!
In demselben Augenblick kamen drei alte Männer in Rüstungen über die Brücke herausgeschwebt, gerade auf den Jäger zu. Der lief fort, was er laufen konnte und hielt erst unten im Ort wieder an und schaute sich um, hat auch von Stund an an die Geister geglaubt.
Als eines Abends die Viehmagd an den Stall kam, welcher ehemals eine Kapelle war, sah sie vor der Tür ein großes blaues Licht. Sie lief ins Haus zurück und rief noch mehr Leute herbei. Doch als die herbeikamen, erlosch das Licht zischend und man hörte ein Geräusch, als wenn drei Männer mit starken Tritten die Stiege hinaufeilten.
Ein Bursche in Reichelsheim sah im Traum eine große weiße Gans in einem Zimmer sitzen. Als er des anderen Abends mit einer Arbeit am Ziehbrunnen im Reichelsheimer Schloss beschäftigt war, sah er plötzlich dieselbe Gans, welche im Simmer am Boden des Schlosshofes stand und heftig mit den Flügeln schlug.
»Da ist sie!«, rief er, und alles war verschwunden. Ein kluger Mann sagte ihm des anderen Tages, so er stillschweigend etwas darüber gedeckt hätte, möchte er wohl einen Schatz bekommen haben.
Ein Mann, welcher spät abends den Schlossberg hinaufging, sah plötzlich ein paar Schritte vor sich etwas am Boden sitzen, das er für des Verwalters Hündlein hielt. Als er näherkam, sah er jedoch, dass es ein kleines Männchen war. Und als er ganz nahe davor stand und es ruhig sitzen blieb, schlug er mit dem Stock danach, worauf es verschwand. Er war aber kaum ein wenig weitergegangen, so wurde er plötzlich an den Schultern gepackt und gewaltsam herumgedreht, ohne dass er sehen konnte, von wem.
An dem unweit des Schlösschens befindlichen Trompeterwäldchen (so genannt von zwei hier spukenden Trompetern in Uniform) wurden nachts um elf Uhr zwei außerordentlich kleine weiße Kinder gesehen, welche im Sand saßen und spielten.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
