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Geist in der Mühle
Im Nebenbau einer Mühle bei Brensbach suchte lange ein Geist. Damit hatte es folgende Bewandtnis. Es lebte in dieser Mühle vor langer Zeit ein Müller, der sich mit einer lüderlichen Weibsperson herumtrieb, und war doch ein verheirateter Mann. Seine Frau, ein gutes und sanftes Weib, grämte sich so, dass sie starb. Als sie auf dem Totenbett lag, ließ sie ihren Mann vor sich kommen und sprach, sie wolle ihm alles vergeben, was er ihr Leides getan und er könne ja nach ihrem Tod heiraten, wen er wolle, nur solle er ihr schwören, jene lüderliche Person nicht zu ihrer Nachfolgerin zu machen. Der Müller tat den Schwur und vermaß sich, dass er im Grab keine Ruhe haben wolle, so er ihn bräche. Die Frau lag aber kein halbes Jahr in der Erde, so war alles vergessen und er führte seine Beischläferin als sein Weib in die Mühle. Das tat aber keinem gut. Drei Tage nach der Hochzeit starb er und von dem Tage an, wo man ihn begraben hatte, ging er am hellerlichten Tag als schwarzer Geist in der Mühle herum und warf alles drunter und drüber. Das Unwesen dauerte Jahre lang fort, als die Mühle schon längst in andere Hände gekommen war. Endlich fand sich ein Geisterbanner, welcher sich anheischig machte, das Gespenst für hundert Taler fortzutragen. Als er die verlangte Summe bekommen hatte, jagte er in einer Nacht den Geist mit vielem Lärmen in der ganzen Mühle herum, fing ihn endlich und trug ihn fort. Drei Tage nachher kam der Mühlknecht mit Reisig aus dem Wald gefahren, da fand er ein Bündelchen Heu, das mitten auf dem Weg lag, und warf es oben auf den Wagen. Als er es aber daheim im Stall aufband, sprang ein Eichhörnchen heraus und auf den Heuboden hinauf, und von Stund an war der Geist wieder da und trieb es ärger denn zuvor.
Später kam ein anderer Zauberer, der war viel klüger und mächtiger als der erste. Er zitierte das Gespenst und befahl ihm, die Mühle auf immer zu verlassen. Da bat und flehte es gar jämmerlich, man möge es doch auf seinem Grund und Boden lassen und es nicht hinausjagen in die weite Welt. Es wolle sich ja auch besser aufführen und niemanden was zuleide tun. Da wies ihm der Zauberer einen alten Nebenbau, worin allerlei altes Gerümpel lag, zur Wohnung an, und darin hauste der Geist auch friedlich und harmlos, wie er es versprochen und machte bloß manchmal des Nachts ein wenig Lärm. Seit vor einigen Jahren der Nebenbau abgerissen wurde, hat er sich nicht mehr gezeigt und wird wohl jetzt seine Ruhe gefunden haben.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
