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Erlöste Seele
Es war einmal ein Herr, bei dem wollte keine Magd bleiben. Als er nun wieder einmal ein neues Mädchen in Dienst genommen hatte, fragte er sie nach der ersten Nacht, wie sie geschlafen habe.
»Ganz gut«, sagte sie.
Nach der zweiten Nacht erhielt er auf dieselbe Frage die gleiche Antwort. Doch als er am dritten Morgen fragte, erzählte die Magd, wie während der ganzen Nacht ein Lichtlein um ihr Bett herumgetanzt sei, ihr keine Ruhe gelassen und in einem fort zu ihr gesprochen habe: »Geh Ann! Geh Ann!«
Da riet ihr der Herr, sich beim Pfarrer Rat einzuholen.
Das tat sie und erhielt von dem Geistlichen die Weisung, sich, bevor sie ins Bett gehe, ihre Kleider zur Hand zu legen, damit sie der Aufforderung des Geistes folgen und mit ihm gehen könne. Dabei müsse sie aber immer den Geist vorangehen lassen und sich wohl hüten, irgendetwas anzugreifen. Die Magd tat wie ihr geheißen und legte sich zu Bett.
Gleich war auch das Flämmchen da, tanzte wieder um sie herum und sprach wie in der vorigen Nacht. »Geh Ann! Geh Ann!«
Da stand sie auf und zog sich an, um dem Geist zu folgen. Der wollte hinter ihr herschweben, sie aber bedeutete ihm, dass er voran müsse. Das Licht leuchtete mit lustigen Sprüngen vor ihr her und führte sie über den Gang die Treppe hinab bis vor die Kellertür. Da hielt es an und hieß sie die Kellertür aufmachen.
Sie aber gedachte der Warnung des Geistlichen und sagte: »Mach selber auf!«
Sie stiegen die Treppe hinab in den tiefen Keller und jetzt sah das Mädchen erst, dass das Lichtchen eigentlich ein kleines weißes Frauchen war. Das führte sie in eine entfernte Ecke des Kellers, wo eine Hacke lag und hieß sie ein Loch hacken.
Sie aber hütete sich es zu tun und sagte: »Hack selber!«
Da fing das Weiblein an wacker zu arbeiten und zu scharren, bis endlich aus der Tiefe des Lochs ein Kessel voll Gold und Edelsteine hervorschimmerte. Jetzt wollte der Geist wieder, sie solle den Kessel herausheben. Da sie sich aber standhaft weigerte, tat er es selber und führte sie die Kellertreppe hinauf und auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren, in ihr Bett zurück. Sie dachte nun Ruhe vor dem Ding zu haben. Das aber fing wieder an um ihr Bett herumzutanzen und winselte dabei so jämmerlich, dass sie ihm gar zu gern geholfen hätte, wenn sie nur gewusst hätte, wie.
Endlich sprach sie herzhaft zu ihm: »Hast du mir geholfen, so helfe dir Gott ins Himmelreich.«
Und da war das Weiblein mit einem Schlag verschwunden und erlöst, sie aber hatte den Kessel voll Gold und war glücklich für ihr Lebtag.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
