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Geistertafel am Borstein
In Reichenbach wohnte ein Bäcker mit Namen Gansert, der mit Kuchen und Branntwein hausieren ging und sich besonders immer dann einfand, wenn die Jäger der Umgegend nach einer gemeinsamen Jagd sich zu einem gemeinsamen Mittagsmahl im Freien vereinigten, was meistens am Borstein geschah.
Als dieser Gansert eines Tages von einer seiner Wanderungen zurückkehrte und in das Reichenbacher Tal hinabstieg, führte ihn sein Weg an dem Borstein vorbei. Da sah er an dem Fuß des Felsens eine gedeckte Tafel stehen mit allerlei Geschirr und schönen Gläsern darauf. Indem trat ein Mann hinter dem Felsen hervor, bot ihm die Zeit und fragte ihn, wie es dem Herrn Pfarrer zu Reichenbach gehe.
»Ganz gut!«, sagte der Bäcker. Und weil er glaubte, es sei in seiner Abwesenheit eine Jagd veranstaltet worden und die Jäger wollten hier Mittag hatten, so ging er rascher vorwärts nach dem Dorf zu, um bald mit frischen Vorräten wieder da sein zu können. Wie erstaunte er aber, als er in Reichenbach den Förster ganz ruhig im Fenster liegen und eine Pfeife rauchen sah.
Er fragte: »Ei seid Ihr denn nicht bei der Jagd?«
Da lachte der Förster und sagte, er wisse nicht, was er damit sagen wolle, es sei seit vierzehn Tagen keine Jagd gewesen.
Der Bäcker erzählte nun, was er gesehen hatte und stieg auch sogleich in Begleitung mehrerer Leute wieder hinauf an den Borstein. Da war jedoch nichts mehr zu sehen. Der Pfarrer aber war von einer schweren Krankheit befallen worden, zu derselben Stunde, als der Fremde sich nach seiner Gesundheit erkundigte.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
