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Das Hexenbuch in Reichelsheim
Eine Frau in Reichelsheim hatte nur eine Geis, aber trotzdem stets eine erstaunliche Menge Butter. Ihr Mann konnte nicht begreifen, woher die Butter komme. Er lauerte ihr auf und sah, dass sie den Butterstempel mit Salbe bestrich. Da stahl er ihr die Salbe.
Aber im selben Augenblick stand der Böse vor ihm, legte ihm ein Buch vor und sprach: »Hast du vor, meine Kunst zu brauchen, dann sollst du auch unterschreiben.«
Der Bauer erschrak anfangs, doch fasste er sich gleich und sprach: »Ei, von Herzen gern, nur habe ich im Augenblick keine Feder zur Hand. Lass mir das Buch bis morgen hier, ich tue es dann nach meiner Bequemlichkeit.«
»Gut,« sprach der Böse, ich komme morgen wieder.«
Als der Teufel kaum fort war, nahm der Bauer das Buch, ging damit zum Pfarrer und fragte ihn, was zu machen sei.
»Ritze die Haut an deinem Arm«, sprach der Pfarrer, »und schreib vorn ins Buch ›Das rosenfarbene Blut Jesu Christi‹ usw.«
Das tat der Bauer, und als der Teufel am anderen Tag wiederkam, bot der Mann ihm das Buch dar mit den Worten: »Ich hab mit meinem Blut hineingeschrieben.«
»Sehr schön«, sagte der Teufel und griff nach dem Buch, zuckte aber gleich mit der Band zurück, als ob er sich schrecklich verbrannt habe, und fuhr durch das Fenster heulend davon. Dieses Buch war lange zeit noch im Amtshaus zu Reichelsheim zu sehen. Es ist erstaunlich, was für hohe Potentaten und vornehme Herren und Frauen darin eingeschrieben gewesen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
