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Der Korndrache
Der Bauer Edel in einem Dorf am Rhein war in kurzer Zeit so reich geworden, dass er kein Ende des Geldes wusste. Die Leute zischelten sich allerhand darüber zu, aber keiner konnte so recht klug daraus werden. Eines Tages ging Edel auf eine Hochzeit diesseits des Rheins, und da er zwei Tage auszubleiben gedachte, gab er vorher seinem Knecht alles an, wie er es im Hause gehalten wissen wollte. Unter anderem sagte er zu ihm: »Wenn die Nacht jemand am Fenster fragt, was er bringen solle, so sage Weizenkorn.«
Der Knecht verstand aber falsch und meinte nicht anders, als der Bauer hätte Weidenlaub gesagt.
Gegen elf Uhr in der Nacht klopfte, wie der Bauer gesagt hatte, jemand an des Knechtes Fenster und fragte: »Was soll ich bringen?«
»Für heute Weidenlaub«, antwortete der Knecht, dem die Sache doch so wunderlich vorkam, dass er nicht schlafen konnte. Gegen Mitternacht gab es auf dem Boden ein seltsames Gerispel und Genistel, das bis ein Uhr andauerte, dann wurde es still. Der Knecht stand Todesangst aus, wagte kaum zu atmen und wünschte hundertmal den Morgen herbei. Als es Tag wurde, war sein erster Gang auf den Boden und siehe da, der lag so voll Weidenlaub, dass er die Tür kaum öffnen konnte. Da merkte er wohl, dass der fliegende Drache dem Bauern all den Reichtum zutrug. Von dem Augenblick an war es ihm so unheimlich in dem Haus, dass er abends, als der Bauer heimkehrte, seinen Lohn begehrte und des folgenden Tags sich einen anderen Dienst suchte.
Wenn man den fliegenden Drachen sieht und gern wissen möchte, was er trägt, dann braucht man nur zu sagen:
Es fährt kein Fuhrmann über Land oder Brück,
Er lässt seinen Zoll zurück.
Dann muss er etwas fallen lassen von dem, was er trägt.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
