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Die beiden Schwestern
In einem Dorf in Oberhessen lebten zwei Schwestern, davon war die eine arm, die andere reich. Eines Tages ging die Arme zur Reichen und sprach, sie solle ihr doch sagen, wie sie es anfangen müsse, um auch reich zu werden. Die andere hieß sie mit in ihre Küche gehen, schmierte sich selbst und ihrer Schwester die Füße mit einer Salbe ein und sagte, alles, was sie jetzt tue, das solle sie auch tun. Dann trat sie auf den Herd und sprach:
»Fahr auf und fahr nieder,
fahr nicht in alle Ecken wieder.«
Und kaum hatte sie so gesprochen, so fuhr sie durch den Schornstein hinaus.
Die Andere wollte ihr gleich tun, hatte aber das Wort nicht in der zweiten Zeile des VersIeins überhört, und sprach:
»Fahr auf und fahr nieder,
fahr in alle Ecken wieder.«
Da fuhr sie auch durch den Schornstein in die Höhe, stieß sich aber unterwegs überall an, sodass sie ganz voll Blut war, als sie oben herauskam.
Nun flog sie ihrer Schwester nach, und beide kamen bald auf einer großen Wiese an. Dort waren schon gar viele andere Weiber versammelt, und ein grauer Mann führte einer jeden einen schwarzen Geißbock zum Reiten vor. Die Böcke fingen nun an, wie toll mit ihren Hexen herumzuspringen und zu tanzen. Dabei wurde gejubelt und geschrien und der graue Mann spielte dazu auf.
Als aber die Stunde schlug, fuhren auf einmal alle Hexen fort durch die Luft, nur die arme Frau wusste nicht recht, wie sie es anfangen solle. Auf einmal fing der Bock an mit ihr fortzuspringen und hielt nicht inne damit, bis er an ein großes Wasser kam. Dort warf er sie ab und verschwand. Sie raffte sich auf und schaute sich um, konnte aber die Gegend nicht erkennen. Zwei Tage lang ging sie an dem Wasser hin und her und suchte nach einer Brücke oder einer Fähre, traf aber keinen Menschen an und kam fast um vor Hunger und Durst und Ermüdung. Am dritten Tag stand plötzlich der graue Mann wieder neben ihr und sagte, wenn sie sich ihm jetzt ganz zu eigen geben, auch ihm die erste Seele (das erste Kind) versprechen wolle, so werde er sie nach Hause schaffen. Die Frau willigte ein, und der Graue fuhr mit ihr fort durch die Luft und ließ sie wieder durch den Schornstein ihrer Schwester hinabfallen. Vorher aber hatte er sie gefragt, ob er mit ihr essen solle oder ob sie mit ihm essen wolle. Sie hatte gesagt, sie wolle mit ihm essen, und von dem Tage an brachte er ihr alles, was sie zur Speise bedurfte, auch Geld und was sie sonst haben wollte, sodass sie ihren Wunsch nach Reichtum erfüllt sah, freilich um einen Preis, den kein ordentlicher Christenmensch gegeben hätte, denn das erste Kind, welches sie bekam, war des Teufels.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
