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Der Alb aus der Fremde
In Oberhessen war ein Bursche, der jede Nacht so gedrückt wurde, dass er ganz dahinschwand. Sein Vater beschloss den Alb zu fangen. Er schnitzte einen hölzernen Pfropf, der genau auf das Schlüsselloch passte, durch welches der Bursche schon mehrmals ein Ding wie ein Mäuslein hatte hereinschlüpfen sehen. Die Nacht schlief er neben seinem Sohn, und als der wieder zu ächzen und zu stöhnen anfing, sprang er rasch aus dem Bett und verschloss das Schlüsselloch. Als es hell wurde, sahen sie, was sie gefangen hatten, es war ein nacktes Mägdlein, so wunderschön und lieblich, wie sie noch keines gesehen. Sie weinte sehr und wusste nicht, wie sie hierher gekommen, so weit weg von Zuhause. Der Bursche aber ließ ihr schöne Kleider machen und nahm sie zum Weib.
Als er nun über ein Jahr lang glücklich mit ihr gelebt und ein Kind von ihr bekommen hatte, drang sie eines Tages gar sehr in ihren Mann, er möge doch den Pfropf aus dem Schlüsselloch nehmen. Er tat es und verschwunden war sie.
Nach drei Jahren, als er längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, sein Weib wieder zu sehen, kam eines Tages ein prächtiger, mit sechs Rappen bespannter Wagen zum Dorf hereingefahren und hielt vor dem Haus des verlassenen Ehemannes. Zwei Bedienstete in stolzer Livree rissen den Schlag auf und heraus stieg eine wunderschöne Dame, welche dem Bauern um den Hals fiel und ihn als ihren Gemahl begrüßte.
Damals, als er das Schlüsselloch öffnete, war sie nach Hause geeilt und kam jetzt zurück, um ihn und ihr Kind abzuholen, und zwar sechshundert Stunden weit fort in ihre Heimat. Das ist vor mehr als hundert Jahren geschehen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
