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Die zwei Herren von der Glauburg
Am Tage der Kirchweih fanden sich vor alters jährlich in Stockheim zwei fremde Herren, welche niemand kannte, in unbekannter Tracht, aber sehr stattlich gekleidet, ein. Sie scherzten mit den Mädchen, tanzten viel und schön, und waren überhaupt recht lustig. Dabei betrugen sie sich aber so anständig, dass man wohl sah, sie seien was Rechtes. Auch waren sie bei allen Kirchweihgästen recht beliebt, denn sie gaben viel zum Besten. Sie kamen stets miteinander, und immer zur nämlichen Stunde, gegen Abend, beim Feste an. Sie waren immer plötzlich beim Tanze da, und niemand sah sie je von der Straße her und zur Tür hereinkommen. Länger aber als eine halbe Stunde vor Mitternacht blieben sie nicht und niemand sah sie weggehen. So unbemerkt sie hereingekommen, so unbemerkt verschwanden sie wieder. Das reizte die Neugierde vieler. Als sie eines Jahres wieder am Kirchweihfest beim Tanz waren, bot sich ihnen ein Bursche aus Stockheim zum Begleiter auf ihrem Heimweg an, was sie auch annahmen. Sie gingen mit ihm nach der Glauburg zu und erstiegen mit ihm den Berg. Als sie oben angekommen, standen sie vor einem breiten viereckigen Loch im Boden, durch welches sie hinab in eine ungeheuere Tiefe sahen, auf deren Grund ein kristallheller Teich sich spiegelte. Da stürzten sich die beiden Fremden in jenes Loch hinab in den Teich, dass der Bursche sie nicht mehr sah. Der Bursche hatte aber den einen, als er sich zum Sturz in die Tiefe anschickte, an der Hand gefasst, um ihn zurückzuhalten, was ihm jedoch nicht gelang. Denn der Fremde riss sich los und ließ ihm nur seinen Handschuh in der Hand, den er noch vom Tanz her anhatte. Da lief der Bursche in großer Angst zurück nach Stockheim zum Tanz, wo er den Handschuh vorzeigte und erzählte, was er gesehen. Die Fremden sind aber nimmer zur Kirchweih gekommen und nimmer gesehen worden.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
