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Der Schlosskeller auf dem Tannenberg
Ein Schäfer trieb eine kleine Herde eines Tags bis in die Nähe der Ruine und setzte sich, vom Steigen ermüdet, auf einige Steine, welche aus Moos und Erde hervorblickten. Da hörte er plötzlich hinter sich seinen Namen rufen. Als er sich umschaute, erblickte er ein altes graues Männchen, welches aus einer weit geöffneten Kellertür trat.
»Willst du nicht den Wein versuchen, der im Keller liegt?«, fragte das Männchen.
Der Schäfer war nicht unzufrieden damit, da die Sonne gerade recht heiß brannte und ihm die Zunge am Gaumen klebte. Er folgte dem Männchen, wenn auch mit einigem Grauen. Da kam er denn in einen ungeheuren Keller mit hohen Gewölben. Zu beiden Seiten lagen Fässer, deren Dauben längst abgefault waren. Der Wein lag nämlich »in seiner eigenen Haut.« Das Männchen schritt von Fass zu Fass und füllte ihm aus jedem einen hohen Becher. Und der Schäfer trank und trank, bis er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Was da weiter mit ihm vorgegangen, wusste er nicht. Als er aber aus seinem Rausch erwachte, fand er sich auf seinen Steinen wieder und die Sonne tief am Himmel, dem Untergang nahe. Seitdem mied er die Ruinen und hat den Ort nie wieder betreten wollen.
Dass es in den Ruinen »webbert«, weiß heute noch jedermann in der Gegend. Bis in die letzten Jahre hat man oft in denselben gegen Mittag ein weißes Schäfchen gesehen. Andere wollen einem großen schwarzen Hund dort begegnet sein.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
