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Die Blume auf der Altenburg
Eine gute Viertelstunde vom Dorf Dauernheim liegt ein Berg, der zwar nicht hoch, aber nach Süden zu ziemlich steil ist und die Altenburg heißt. Auf demselben soll in uralten Zeiten ein Schloss gestanden haben und im Innern des Berges noch ein Schatz vergraben liegen.
Vor mehr als hundert Jahren lebte zu Dauernheim ein Bauer Röser, der ging einst nach der Altenburg und da er dort eine sehr schöne und seltene Blume fand, so steckte er sie auf seinen Hut. Bald fühlte er an diesem eine besondere Schwere. Er nahm ihn deswegen ab und sah, dass sich die Blume in einen großen Schlüssel verwandelt hatte. Zugleich bemerkte Röser eine bis dahin nie gesehene Tür, welche in den Berg ging. Er steckte den Schlüssel in das Schloss, öffnete die Tür und trat in den Berg. Da kam er bald in ein Gemach, darin lagen Schätze aller Art. Fr füllte sich die Taschen und war im Begriff, fortzugehen, als eine Stimme rief: »Vergiss das Beste nicht!«
Röser bezog das nicht auf den Schlüssel, welchen er in der Freude über die Schätze nebenhin gelegt hatte, sondern auf die Schätze selbst, welche noch da lagen und stopfte darum noch mehr in die Taschen.
Da rief es zum zweiten Mal: »Vergiss das Beste nicht!«
Und er packte weiter ein, was er nur konnte. Als es aber zum dritten Mal noch vernehmlicher erscholl, »Vergiss das Beste nicht!«, da bemächtigte sich seiner eine solche Angst, dass er hastig nach der Öffnung zulief, durch welche er hereingekommen war. Indem er durch diese eilte, fiel die Tür so heftig hinter ihm zu, dass sie ihm die beiden Fersen an den Füßen abschlug, wovon er in Folge lahm wurde. Das mitgebrachte Gold, das begreiflicherweise nicht wenig war, tröstete ihn jedoch über seine Wunden und half ihm, die Schmerzen zu ertragen. Als er aber geheilt war, fühlte er sich unglücklicher als je zuvor, denn jetzt erkannte er, was jene Stimme unter dem Besten gemeint hatte und dass er nur durch seine Habgier und Verblendung um den Schlüssel und die Möglichkeit gekommen sei, sich noch weitere Schätze zu holen.
Später wanderte er zwar noch oft zur Altenburg und sah sich dort überall um, aber er fand weder die schöne Blume noch die Tür wieder, welche zu den Schätzen führt.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Hessische Sagen, Leipzig, 1853
