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Die Hexen auf den Freibergen
Sassleben
Eine alte Frau erzählt, dass auf den Freibergen bei Kalau jedes Jahr die Hexen aus der Umgegend in der ersten Mainacht eine grosse Zusammenkunft gehabt haben.
Einmal hat sich dort sogar Folgendes zugetragen. Die Hexen waren um Mitternacht alle versammelt, da erschien mitten unter ihnen ein Mann welcher sich in einen Bock verwandelte. Der Bock kletterte auf einen grossen Stein. Ein alter Hexenmeister sprach: „Das ist unser Herr, den müssen wir anbeten.“ Darauf knieten alle Hexen und der Hexenmeister vor dem Bock nieder. Dann standen sie wieder auf und drehten ihm den hintern Theil des Körpers zu.
Darauf fragte der Bock, ob ihm alle angehören wollten. Alle Anwesenden sagten Ja. Da nahm der Bock ein Gefäss, welches wie ein Kelch aussah, und eine alte Schüssel, in welcher etwas darinnen lag. Damit stellte er sich auf den Stein. Darauf stimmte er ein Lied an und sprach Weiheworte über die beiden Gefässe. Dann gingen die Hexen und der Hexenmeister um den Stein herum. Der Bock gab ihnen aus dem Kelch zu trinken und aus der Schüssel zu essen, aber der Trank aus dem Kelch war so bitter wie Galle, und das Brod aus der Schüssel so zähe wie Leder.
Als der Umgang beendet war, fingen alle an zu tanzen, der Bock aber tanzte mit allen Hexen. Wenn er mit einem Hexenmeister tanzte, so schien es, als tanzte er nicht mit einem Mann, sondern mit einer Frau, tanzte er aber mit einer Frau, so war er wie ein schöner Jüngling anzusehen.
Sobald der Tanz zu Ende war, verschwand der Bock unter üblem Geruch. Darauf ritt die ganze Gesellschaft auf Besenstielen und Ofengabeln nach Hause.
Quelle: Edmund Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. Leuschner & Lubensky, Graz 1880
