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Weistritzthale seinem Vetter Albert von Falkenberg gehörte, Verlangen getragen und ihn deshalb befehdet. Endlich hatte er ihn hinterlistiger Weise zu einer Zusammenkunft im Teufelsthale geladen, angeblich um auf friedlichem Wege ihre Streitigkeiten auszumachen. Letzterer war auch gekommen, allein da jener sich mit ihm allein glaubte, reizte er ihn, den Unbewaffneten, zum Zweikampf und stieß ihm das Schwert in die Brust. Die Gemahlin Falkenberg's jedoch war ihrem Manne gefolgt und hatte den Mord mit angesehen. Durch ihr Hülfegeschrei aufmerksam gemacht, eilte er herbei, ergriff sie und schleppte sie mit auf seine Burg Kynsberg, wo sie im Gefängniß starb; die Besitzungen seines Vetters aber riß er ohne Mühe an sich, da die zwei Kinder des Gemordeten von einem treuen Diener gerettet und nach Breslau in ein Kloster gebracht worden waren. Letzterer ließ ein Gemälde jener grausigen That anfertigen, und als die Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, herangewachsen waren, ließ er sie vor demselben einen theuern Eid schwören, nicht zu ruhen und zu rasten, bevor sie nicht den Tod ihrer Eltern an dem Mörder gerächt hätten. Der Sohn konnte sein Wort jedoch nicht halten, er blieb auf einem Kreuzzuge und hinterließ eine kleine Tochter, die nun, da auch seine Gattin gestorben war, seiner Schwester zur Erziehung verblieb. Diese zwei Frauen waren es, welche bisher in diesem Häuschen gelebt hatten, und der alte Diener, welcher bei ihnen war, war derselbe, welcher einst die zwei Kinder Falkenberg's gerettet hatte und der jetzt mit dürren Worten dem erstaunten Ritter sagte, daß er sich keine Hoffnung machen dürfe, je das junge Mädchen die Seine nennen zu dürfen, denn er werde sie niemals wiedersehen.
Traurig kehrte der junge Kynsberger nach seiner Burg zurück, beschloß aber doch, sein Wort zu halten und die Schuld seines Ahnen durch Buße zu sühnen. Er begab sich also am nächsten Tage nach Breslau, um dort in ein Kloster als Mönch zu treten. Dort angekommen, ging er nach der Elisabethkirche, die Messe zu hören; allein wie ward ihm, als er unter den Andächtigen die zwei Frauen aus dem Teufelsthale erkannte. Er wollte zwar, als sie die Kirche verließen, sich zu ihnen durchdrängen, allein diese hatten ihn auch erkannt, und so gelang es denselben, ihm auszuweichen und eher die Kirche zu verlassen, als er bis zu ihnen gelangen konnte. Als er endlich den Ausgang erreichte, waren sie verschwunden und trotz aller angewandten Mühe vermochte er nicht zu erfahren, wohin sie sich gewendet hatten. Sie hatten sich an einen Ritter von Zedlitz, der die Burg auf dem Zobtenberge besaß, gewendet, ein Freund ihrer Familie, und dieser war gern bereit gewesen, sie sammt ihrem alten Diener mit auf sein festes Schloß zu nehmen. Zwei Jahre vergingen für den jungen Kynsberg mit vergeblichem Suchen nach den zwei verschwundenen Frauen, er konnte sie nicht wiederfinden; da beschloß er eines Tages auf die Eberjagd im Teufelsthale zu gehen und ließ sich auch von seinen Dienern, welche ihm sagten, seit einiger Zeit sei dasselbe durch Teufels- und Gespenstergestalten heimgesucht und deshalb von Jedermann gemieden, nicht abwendig machen. Er nöthigte sie, mit ihm in den Abgrund über dem Kreuze hinabzusteigen und war nicht wenig verwundert, statt des Häuschens ein großes Gebäude im Thale zu erblicken. Als er in der Nähe des Kreuzes war, hörte er plötzlich eine klagende Frauenstimme, die einer andern drohenden antwortete; er schlich sich heran und sah seine geliebte Verschwundene auf den Knieen vor einer Teufelsgestalt liegen, welche ihr mit dem Dolche drohte. Dieses sehen und durch das Gebüsch dringen und gleichzeitig die Gestalt niederstoßen, war Eins; allein gleichzeitig sah er auch aus dem Hause eine ähnliche Gestalt nach dem Kreuze und dem an demselben befindlichen kleinen Weiher eilen. Er hatte keine Zeit nach der Ursache der Anwesenheit des Mädchens an diesem grauenvollen Orte zu fragen; er hob sie auf den Arm und klomm mit ihr die Felsenwand hinan, wo seine Diener standen, und ehe ihm noch die Verfolger nachkommen konnten, hatte er sich schon auf sein obenstehendes Roß geschwungen und jagte mit seinen Begleitern den Falkenberg hinab über den Stenzelberg, das Weistritzthal entlang der Kynsburg zu; seine Verfolger aber gaben bald die Verfolgung auf, da sie zu Fuß waren, und so gelang es ihm, die Burg seiner Väter unangefochten zu erreichen. Dort angekommen erfuhr er denn, daß das Mädchen mit ihrer Base und ihrem Diener vor zwei Jahren auf der Reife nach dem Zobtenberge von einer Räuberschaar überfallen worden war, die Letztere und ihren Beschützer, den Ritter von Zedlitz, bei der Vertheidigung der Frauen ermordet und diese dann erst nach ihrem Raubneste, und als dieses bald darauf von Rittern der Umgegend belagert und eingenommen ward, in das Teufelsthal geschleppt hatte. Hier erbauten sich die Wegelagerer ein ziemlich festes Haus und setzten die ganze Umgegend dadurch, daß sie sich in Thierhäute verkappten und in Teufelsgestalt herumliefen, in Furcht, so daß Niemand in die Nähe ihres Wohnsitzes zu kommen wagte. Das Mädchen rettete blos dadurch ihr Leben, daß sie dem Anführer der Bande vorspiegelte, sie wisse, daß unter dem Kreuze ein Schatz verborgen liege, der aber erst nach Verlauf von zwei Jahren von einer reinen Jungfrau am Tage der h. Walpurgis zwischen acht und neun Uhr Morgens gehoben werden könne. Diese Zeit war gerade um und der Kynsberger dazu gekommen, als der Räuberhauptmann die Jungfrau dorthin geschleppt und sie mit dem Tode bedroht hatte, wenn sie nun nicht ihr Wort halten werde, den Schatz versprochenermaßen an's Tageslicht zu fördern. Glücklicher Weise hatte die Dazwischenkunft des Kynsbergers die nun ihr bevorstehende Katastrophe abgewendet. Da mittlerweile auch ihre Base gestorben war, hinderte nichts mehr ihre Vermählung mit ihrem Erretter, und so ward denn die Blutthat des Großvaters durch die Tapferkeit des Enkels gesühnt.
Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71
