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Eulenspiegel spielt so allerlei Streiche
Eulenspiegel hatte sich einmal mit einem Manne aufgemacht, um mit ihm Käse von dem Giebel eines Hauses zu stehlen. Der Mann hatte die Leiter angelegt und Eulenspiegel war hinaufgeklettert. Als er oben war, rief er, so laut er konnte: „Welche soll ich nehmen, die grossen oder die kleinen?“ Sein Gefährte rief ihm leise zu, er solle schweigen, aber Eulenspiegel rief nur um so lauter: „Soll ich die kleinen nehmen, oder die grossen?“ Das hörte der Wirth, er kam angelaufen und prügelte den Mann gehörig durch, Eulenspiegel aber kletterte vom Giebel auf den Boden und versteckte sich dort im Heu.
Es währte nicht lange, so kam die Magd, um Futter für die Kuh zu holen. In dem Heu, welches sie in der Schürze trug, befand sich auch Eulenspiegel. Er war mitsammt dem Heu der Kuh vorgeworfen und von dieser mit aufgefressen worden. Fortan gab die Kuh keine Milch mehr, denn Eulenspiegel trank sie alle weg. Da liess der Bauer die Kuh schlachten. Er wusste nicht, was er mit dem Euter anfangen sollte, deshalb schenkte er es armen Leuten. Diese befestigten es an einem Stock und trugen es, nachdem sie den Stock mit dem angebundenen Euter auf die Schulter genommen hatten, am Abend nach Hause. In diesem Euter aber befand sich Eulenspiegel. Die Bauern waren noch nicht weit gegangen, so zupfte Eulenspiegel erst den vordersten, dann den, welcher hinten ging, an den Haaren. Jeder von den Bauern dachte, er sei von dem andern gezupft worden; deshalb ergrimmten sie gegen einander, warfen das Euter weg und fingen an sich zu prügeln. Jetzt schlüpfte Eulenspiegel aus dem Euter heraus.
Er war noch nicht weit gegangen, so kam er in einen Wald. Hier setzte er sich unter einem Pilz nieder und begann seine Schuhe zu flicken. Da kam ein Jude des Weges. Der achtete des Ortes nicht, wo Eulenspiegel sass. Dieser aber nahm seinen Pfriemen und stach den Juden so empfindlich, dass er schreiend davon lief.
Es währte nicht lange, so kam ein Wagen mit Heringen beladen, angefahren. Eulenspiegel kletterte auf den Wagen und warf einen Hering nach dem andern herunter. Als er genug hatte, stieg er von dem Wagen wieder herunter, sammelte die Heringe und legte sie alle auf einen Haufen. Da kam ein Fuchs; der fragte, woher Eulenspiegel alle die Heringe habe. Eulenspiegel sagte, er habe sie aus dem Teiche gefischt: wenn er auch welche haben wolle, so brauche er nur zum Teiche zu gehen und seinen Schwanz hinein zu halten, die Heringe würden schon anbeissen.
Der Fuchs liess sich von Eulenspiegel überreden, ging zum Teiche und steckte seinen Schwanz hinein. Es fror aber gerade stark. Da währte es denn nicht lange, so war der Schwanz festgefroren. Der Fuchs fing endlich an zu ziehen. Erst glaubte er, der Schwanz sei deshalb so schwer, weil eine Menge von Heringen angebissen hätte, bald aber merkte er, was geschehen war. Nun zerrte und zog er so lange, bis der ganze Schwanz abriss.
Eulenspiegel aber war weiter gezogen.
Quelle: Edmund Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. Leuschner & Lubensky, Graz 1880
