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sagen:deutschemaerchenundsagen470

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Sage von der Sterbeglocke zu Wiener - Neustadt

  Vid. Commentar. brev. et jucund. itineris etc. edit. per 
  Stanislaum Pawlowsky Olomuc. 1577. Ost und West 1844. p. 101.

Auf seiner Reise durch Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Portugal und Italien 1465 - 1467 kam der böhmische Freiherr Lew von Rozmital und Blatna auch durch Wiener Neustadt, wo er auf Einladung der Kaiserin einige Tage sich aushielt. Man führte ihn unter andern in die Kirche der Cisterzienserabtei. Hier sah er die Grabstätte Kaiser Friedrichs IV., den bereit liegenden Gruftdeckel, der allein 1100 Goldgulden gekostet haben soll, und auf dem Thurm dieser Kirche eine Glocke mit goldenen Streifen. Von ihrem Ursprunge erzählte man folgende Sage:

Ein reicher Handelsherr vertraute auf seiner Durchreise einem hiesigen Bürger große Massen Erz zur Aufbewahrung an. Eben damals sollte für die Klosterkirche eine neue Glocke gegossen werden, und Alles war zum Gusse bereit, als es sich ergab, daß das vorräthige Metall nicht ausreichen werde. In dieser Verlegenheit erfuhr der Stadtrath, daß im Hause jenes Bürgers das nöthige Metall vorhanden sei, bewog ihn gegen Erlegung des Werthes das anvertraute Gut auszuliefern, und der Guß ging glücklich von statten.

Nach einiger Zeit kam der Handelsherr wieder; vom Bürger über den eigentlichen Sachverhalt belehrt, eilte er auf den Thurm, wo sich auch alsbald die Rathsherren einfanden. Nachdem er die Glocke lange betrachtet und die Anwesenden auf die goldglänzenden Streifen aufmerksam gemacht hatte, begann er: „Wisset denn, daß ich in jene Metallmassen den größten Theil meines Goldes verborgen hatte, und sagt selbst, ob diese Stadt im Stande ist, mir meinen Verlust zu ersehen? - Doch was geschehen ist, ist geschehen und ich begehre keinen andern Ersatz als den, daß diese Glocke von nun an zu meinem Andenken für Jedermann, reich oder arm, unentgeltlich geläutet werde.“ So erzählt Sasek von Mezyhor, der Reisegefährte und Sekretair Lew's.

Quellen:


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