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Perlenschoten
Neue Sammlung merkwürdiger Geschichten von unterirdischen Schätzen, Höhlen, Gängen, von C. E. F. Breslau und Leipzig 1756. S. 300; aus Chr. Lehmann's historischem Schauplatz derer natürlichen Merkwürdigkeiten in dem meißnerischen Obererzgebirge. 9. Einth. 5. Cap.
Abenteuerlich und dennoch wahrhaftig ist, was sich mit gewachsenen Perlenschoten in Neustadt - Wiesenthal Anno 1626 zugetragen. Nach dem großen Sterben selbiger Zeit wohnte in gedachtem Bergstadtlein Michael Rohdorfer, ein Exulant von Lutitz aus Böhmen, welcher mit seiner Frau und sieben kleinen Kindern wunderbarer Weise den Religionsfeinden entkommen.
Sein Tochterlein von sieben Jahren hatte vom Schutthausen eines ausgegrabenen alten Kellers etliche Kapsamen - Strünklein ausgelesen und in ihres Vaters Garten gesteckt. Da nun solche wohl fortgekommen und gereifet, nimmt sie die Schötchen ab und klopft sie aus, findet aber mit Verwunderung weiße Körnchen, die sie, unwissend, was es sei, dem Vater weiset und spricht: „He, Vater, sehet, was finde ich für Patterlein?“ Der Vater sah, daß es rechte Perlen, suchet und findet sie in den Schötchen selbst, also, daß in noch zwei Samenkornchen eine wahrhafte Perle lag, und sammelten sie dieses Samens und Perlen ein Kasnapschen voll. Viele Edelleute die sich damals in Wiesenthal als Exulanten aufhielten, haben es selbst in Augenschein genommen, auch einige dieser Perlen dem Töchterlein abgeschwaht und zur Rarität aufgehoben.
Eine Gräfin von Hauenstein kam von Annaberg, hielt mit dem Wagen vor des erwähnten Exulanten Thür, breitete ihr Haartuch in den Schoos und bat, das Magdlein sollte ihr etliche Samenschstlein aufmachen, welches auch geschah, und sie befand, daß es wahrhaftige Perlen waren. Versprach darauf, wenn der Vater einwilligen wollte, dieses glückselige Kind aufund anzunehmen. Endlich machte die Gräfin etliche Schoten eigenhändig auf, aber die Perlen zerschmolzen ihr unter den Fingern, wie es denn auch zuvor andern Leuten, die sie selbst ausgemacht, begegnet war. Darauf sagte sie: „Ei, so ist's eine wunderbare Gnade von Gott, derer wir nicht würdig sind.“
Ein frommer Edelmann aus Böhmen, der auch daselbst im Exil lebte, ließ den Vater mit allen sieben Kindern vor sich kommen, betrachtete und fand das Wunder augenscheinlich und kleidete die armen Kinder alle neu. Dieses habe ich aus dieser Perlensinderin Munde, da sie nun 74 Jahre alt war, aufgezeichnet.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
