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Die beiden Brüder zu Laerne
Mündlich.
Zwei Stunden von Gent liegt das Dorf Laerne; da sieht man noch ein altes Schloß mit einem großen Garten. Vor viel hundert Jahren bewohnten zwei Brůder das Schloß: der älteste war höchst adelstolz und hatte sich eine Frau aus einem der ersten Geschlechter des Landes gewählt; der jungere hatte ganz das Gegentheil von seines Bruders Charakter; er liebte ein ganz gewöhnlich Bauermädchen und hätte diese auch geheirathet, wäre sein Bruder ihm nicht stets drohend in den Weg getreten, sobald er nur von einer Verbindung mit der schlichten Bäurin begann. Eines Tages war der Weltere zu einem Zuge ausgeritten, den ein benachbarter Ritter unternommen hatte; diesen Augenblick benutzte der Jüngere, vollzog öffentlich seine so lange gewünschte und immer doch wieder aufgeschobene Verbindung mit der Bauersmaid und verließ am andern Tage das Schloß, um fern von seinem Bruder sein Glück ungestört genießen zu können.
Seit lange schon war der Aeltere von dem Zuge zurückgekommen, als den Jüngern die Sehnsucht nach dem Orte, wo er geboren war, so sehr zu stacheln begann, daß er seinen Bruder um Verzeihung und um Erlaubniß bat, auf das Schloß Laerne zurückkehren zu dürfen. Der Weltere empfing mit heuchlerischer Freude diese Botschaft und sprach, er habe nie einen sehnlichern Wunsch gehabt. Der Tag der Rückkehr des Jüngern wurde mit ungemeinen Festen begangen und Abends brannten unzählige Fackeln in dem weiten Schloßgarten. Da lud der Aeltere den Bruder ein, einen Spaziergang mit ihm in den Park zu machen, und Beide begaben sich, gefolgt von einigen andern Herrn und Rittern, auf den Weg. An einer einsamen Stelle angekommen, gab der Aeltere aber den nachfolgenden Rittern ein Zeichen, worauf sie den Jüngern überfielen und ihn seiner Mannheit beraubten. Noch zeigt man im Park von Laerne die Stelle, wo dies scheußliche Verbrechen verübt wurde.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
