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sagen:deutschemaerchenundsagen436

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Die Königin von Egypten zu Tilly

  Mündlich.

Tilly ist ein Dörfchen, zwei Stunden von Geldenaken; vor wenigen Jahren sah man daselbst noch ein sehr altes Schloß, das ist nun aber zerstört. Es gehörte ehedem den Fürsten von Moorbeek und von einem aus der Familie erzählt man sich noch im Dorfe folgende Geschichte. Der war mit den Kreuzrittern nach Palästina gezogen und hatte sich da so tapfer gehalten, daß er eine Königin von Egypten, die zur Hülfe der Heiden herbeigeeilt war, zur Gefangenen machte. Von ihrer wunderbaren Schönheit bezaubert, behielt er sie bei sich und führte sie später mit auf sein Schloß Tilly.

Da gab er sich nun alle Mühe, ihr Herz für sich zu gewinnen, aber nichts wollte ihm helfen und am Ende vergiftete sich die Gefangene, müde der Zudringlichkeiten des Fürsten, durch ein starkes und feines Gift, welches sie, in einem Fingerringe eingeschlossen, stets mit sich geführt hatte. Der Fürst von Moorbeek war untröstlich über ihren Tod; er ließ ihre Leiche einbalsamiren und zwar auf die Weise, deren sich die Egypter bedienen, baute eine Kapelle ihr zu Ehren und ließ den Körper daselbst unter dem Hochaltare in einen gläsernen Kasten legen, so daß Jedermann sie sehen konnte.

Bis vor fünfzig Jahren lag die Königin ungestört an dem Plätzchen, welches der Herr von Moorbeek ihr einst geweiht; als aber die franzosischen Räuberbanden ins Land fielen, da rissen sie mit ihren grabschänderischen Händen den Leib aus seinem stillen Ruheorte; was aus ihm geworden ist, weiß man nicht.

Quellen:


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