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Der Mann mit den Spiegeln
Mündlich.
Vom alten Schlosse der Grafen von Flandern zu Gent geht ein Gang unter der Erde hin bis nach Mariakerke (Marienkirchen.) Das wußte man wol, aber keiner wollte es wagen hinabzusteigen, denn wer immer noch hinabgestiegen war, der war nicht zurückgekehrt. Endlich erbot sich ein zum Tode verurtheilter Verbrecher dazu, '„ denn“ sprach er, ob ich gehangen werde, oder ob die Schlangen und Kröten in dem Gange mich todt beißen, das ist am Ende dasselbe.“Er war aber so klug und ließ sich einen Rock und eine Hose machen, die ganz voll von Spiegeln waren, so daß er, als er die Kleider angezogen hatte, wie ein großer Spiegel aussah. Dann nahm er eine Fackel und stieg in den Gang. Da kamen ihm bald unzählige Schlangen entgegen, aber als die ihr eignes Bild in den Spiegeln schauten, schlichen sie wieder zuruck, wie sie gekommen waren. So konnte der Verbrecher sich den ganzen Gang beschauen; er fand viele Gerippe darin von Menschen, die vor ihm das Wagstuck gemacht hatten, und kam gesund und wohlbehalten zu Mariakerke an, wo ihn die Gerichtsherren schon erwarteten und ihm seinen Freibrief gaben.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
