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Der Kessel in der Liebfrauenkirche zu Brügge
Mündlich F. de Hondt in den Annales de la Société d'emulation pour l'histoire et les antiquités de la Flandre occidentale. II, p. 88.
Zu der Zeit, als die Liebfrauenkirche in Brügge gebaut wurde, schlug man nur einmal im Jahre, und zwar im November, einen Ochsen und der mußte für das ganze Jahr genügen, denn man salzte das Fleisch ein und bewahrte es also in großen Fässern. Die Frau eines der Maurer hatte es aber ein bischen zu üppig getrieben mit dem Fleische und so geschah es, daß sie den Boden des Fasses eher sah, als sie es eigentlich gewünscht hatte. Sie minderte darum die Portion, die sie ihrem Manne in die Kirche tragen mußte, tagtäglich mehr, aber der Kunstgriff half doch nicht lange und es blieben ihr endlich nur zwei Knochen noch übrig. Die bereitete sie mit einer kostbaren Sauce und brachte sie nebst einem guten Antheil gelber Rüben am folgenden Tage in einem eisernen Kessel ihrem Manne. Der saß eben oben auf dem Gerüste; sie stieg also zu ihm herauf und setzte ihm demüthig und nicht ohne Herzklopfen das Essen vor. Der Maurer hatte aber bald die Sauce durchschaut und die leeren Knochen entdeckt und er entbrannte darob in solchem Zorn, daß er, allen verschwenderischen und nicht haushaltenden Frauen zum Exempel, den Löffel und den Kessel nahm und beides zur Stunde einmauerte; seine Mauerkelle setzte er darüber und auf beide Seiten derselben die zwei unglücklichen Knochen, die zu einem Wahrzeichen der Geschichte noch heutigen Tages daselbst zu sehen sind.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
