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Das unvollendete Kloster
Mündlich G. Schwab, Wanderungen durch Schwaben. S. 23
Zu den Zeiten, wo das Faustrecht herrschte, wurde die Gegend, wo später Kloster Maulbronn sich erhob, häufig von Räuberhorden besucht und der friedliche Wanderer betrat nur mit Angst die verrufene Gegend. Gegen diese Schrecken vermochte nur ein Mittel zu schützen , die Errichtung eines Heiligenwohnsizes, eines Klosters in der unwirthlichen Einsamkeit. Der Klang einer nahen Klosterglocke wies jedes Schwert in die Scheide und kehrte selbst das Herz des rohesten Räubers um. Darum faßte der Edle, Walther von Lomersheim, den Entschluß, in der Mitte des Waldes ein Kloster zu bauen, damit hinfort freier Verkehr in dieser Gegend sich beleben könnte. Schon wurde rings umher der Wald gelichtet, Wege wurden nach allen Seiten hin gebahnt und aus den nahen Steingruben mächtige Quadern gehauen.
Schon wölbte sich auf dem starken Grunde der schöne Kreuzgang, schon strömten Mönche herbei, den vollendeten Theil des Klosters zu bewohnen, und der Grundstein zur Kirche wurde eben gelegt, als die Räuber, die es verdroß, aus ihrer so günstig gelegenen Gegend vertrieben zu werden , hereinbrachen, den Arbeitern Stillstand auflegten und die Mönche zu sprechen begehrten. Ihnen erklärten sie ihren festen Entschluß, den Klosterbau nicht vollenden zu lassen und drohten mit Niederreißung des Gebäudes. Da trat ein schlauer Mönch hervor und sprach mit freundlichen Worten: „Gebt euch die Mühe nicht, wir selbst wollen euch geloben, den Bau nicht zu vollenden.„ Die Räuber ließen sich einen Eid darauf schwören und zogen arglos von dannen.
Die Mönche aber bauten an der Kirche fort, als wenn nichts geschehen wäre, bis an der linken Seitenwand noch ein einziger Stein fehlte: den ließen sie mit Wohlbedacht unten am Boden liegen. Weit durch den Wald hallte nun die Klosterglocke und auf dieses Zeichen des Treubruchs eilten die Räuber aufs neue herbei, strenge Rechenschaft von den Mönchen zu fordern. Diese öffneten ihre schöne Klosterkirche und führten die Räuber durch die linke Seitenhalle zu der Stelle, da der Stein am Boden lag und oben die Oeffnung war. „Ihr sehet, “ sprachen sie, die Kirche wartet noch den heutigen Tag auf ihre Vollendung und soll unserm Eide gemäß warten bis auf den jüngsten Tag.„ So sahen sich die Räuber durch die Schlauheit der Mönche hintergangen, doch konnten sie dieselben eines Eidbruches nicht beschuldigen, fürchteten die mächtigen Beschirmer des jungen Klosters und mieden fortan diese Wälder.
Noch zeigt man in der linken Seitenhalle der ehrwürdigen Klosterkirche von Maulbronn die Steinplatte am Boden unterhalb der Oeffnung, welche die klugen Mönche gelassen hatten. Nicht weit davon ist in Stein ausgehauen Mörtel, Spaten und Hacken zu sehen und darüber eine schwörende Hand mit drei aufgehobenen Fingern, zum bleibenden Zeichen, wie die Mönche ihr Wort gehalten.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
