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Die geizige Magd
Flämischer Bilderzettel
Zu einem frommen und gottesfürchtigen Pfarrer kam eines Tages frühmorgens ein armer Bettler; der bat ihn um die Erlaubniß, ihm bei der Messe dienen zu mögen. Der Pfarrer war deß ganz zufrieden und als die Messe zu Ende war, lud er den Bettler ein, bei ihm zu Mittag zu bleiben. Das hörte die Köchin des Pfarrers aber nur mit Unwillen und sie machte ihrem Herrn große Vorwürfe, daß er den Bettler mitgebracht; der Pastor befahl ihr aber nichtsdestoweniger, für ein gutes Mahl Sorge zu haben, und als dasselbe bereitet war, setzte er sich mit dem Bettler zu Tische. Die Köchin wußte lange nicht, wie sie ihren Aerger an dem Bettler auslassen sollte; endlich meinte sie doch, es gefunden zu haben: sie holte nämlich die Essigflasche und goß dem Bettler Essig statt Wein in sein Glas. Als der Pfarrer bemerkte, daß der arme Mann nur einmal am Glase nippte und es dann für immer stehen ließ, fragte er ihn: „Warum trinket ihr nicht, Freund?“ - „Weil eure Magd mir Essig in mein Glas goß,“ antwortete der Bettler. Darüber erzürnte der Pfarrer hochlich und hieß dem Mädchen alsbald des besten Weines bringen und den Bettler bedienen. Während die Magd nun erbittert in den Keller stieg, frug der Pfarrer unter anderen: „Sagt mir doch, Freund, ihr kommet überall herum, wisset ihr denn nicht etwas zu erzählen.“ - „Doch wol,“ sprach der Bettler, „dies Jahr wird eins der fruchtbarsten sein, die noch waren, und Alles wohl gerathen und von Gott gesegnet sein.“ - „Wie könnet ihr das wissen, Freund? “ frug der Pfarrer und der Bettler antwortete: „Das weiß ich ebensowol, als ich auch weiß, daß eure Magd in diesem Augenblicke von fünf Schlangen im Keller verschlungen wird.“ Erschrocken stand der Pfarrer auf und lief zum Keller, wo er die Wahrheit der Aussage des Bettlers befand; als er aber in seine Kammer zurückkehrte, war der Mann verschwunden.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
