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sagen:deutschemaerchenundsagen401

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Geist im Pfarrhaus

  Le livre des prodiges p. 154.

Im Jahre 1726 übernahm ein Geistlicher Namens Bayer die Seelsorge in Rutheim und bezog die dortige Pfarrerwohnung. Einen Monat nachher wurde er auf eine jämmerliche Weise gequält von einem bösen Geiste. Dieser kam zuerst in Gestalt eines schlechtgekleideten und gar verdächtig aussehenden Bauern, der dazu noch scheußlich roch, an das Pfarrhaus und klopfte. Man führte ihn in die Stube und da sagte er, er komme von Seiten eines Beamten des Fürstbischofes von Constanz und habe einen Auftrag, der aber auf den ersten Blick schon unwahrscheinlich klang. Darnach verlangte er zu essen und man setzte ihm Fleisch, Brot und Wein vor. Das Fleisch packte er mit beiden Händen und verschlang es mit den Knochen, indem er sprach: „Da seht, wie ich die Knochen mitesse; das thuet mir einmal nach.“ Dann nahm er den Krug mit Wein und leerte ihn in einem Zuge, verlangte noch mehr zu trinken und trank das auf gleiche Weise, worauf er wegging, ohne ein Wort zu sagen, ohne sich auch nur im Mindesten zu bedanken. Die Magd, welche ihn bis zur Thür geleitete, frug ihn, wer er wäre? Darauf antwortete er: „Ich bin aus Ruthingen und heiße Georg Raulin.“ Das war aber auch nicht wahr. Dem Pfarrer drohte er im Weggehen noch: „Warte nur, ich werde dir schon zeigen, wer ich bin.“

Den ganzen Tag blieb er im Dorfe, wo Jedermann ihn sah. Gegen Mitternacht kehrte er wieder zur Thüre des Pfarrers und schrie da dreimal mit schrecklicher Stimme: „Bayer, Bayer! Ich will dich lehren, wer ich bin.“ Während drei ganzer Jahre kam er so jeden Tag gegen vier Uhr Nachmittags und Nachts an das Pfarrhaus, aber nicht stets in derselben Gestalt. Bald erschien er als ein bärtiger Hund, bald als ein Löwe oder als ein anderes grausames Thier; nun wieder als ein Mann, dann als ein schönes Mädchen, um den Pfarrer zur Unkeuschheit zu verleiten. Oft auch machte er in dem Hause einen Lärm, als hätte ein Küfer an einem Fasse gearbeitet, und nicht selten trieb er's damit so arg, daß man meinte, das ganze Haus stürze zusammen. Der Pfarrer rief oft die Kirchmeister und andere Personen des Dorfes in sein Haus, aber man entdeckte gewöhnlich keine andere Spur von dem Geiste, als den unerträglichen Gestank, den er schon bei seinem ersten Besuche als Bauer um sich verbreitet hatte. Da nahm der Pfarrer endlich seine Zuflucht zu Beschwörungen, doch diese hatten keinen Erfolg. Besser wirkte folgendes Mittel: der Geistliche nahm einen Zweig geweihter Palme und einen gesegneten Degen und ging damit dem Spuk zu Leibe; das hatte er kaum dreimal gethan, da blieb er aus und ließ sich nicht fürder sehen.

Quellen:


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