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Die Kindesmörderin
Erasmi Francisci höllischer Proteus. S. 400. S. de Vries, de Satan. II, S. 402.
Eine Wittib ging kurz nach dem Lauten der Feierglocke mit einem ihr bekannten Mädchen an einer Stelle vorbei, wo sie beim Mondschein die Gestalt eines Frauenzimmers sahen, welches sein Haupt in der Hand hielt. Das Mädchen, welches auswendig viel reiner war, als inwendig, und noch für eine Jungfrau durchgehen wollte, wies der Wittib die Gestalt, indem sie sprach: „Sehet doch, was stehet da für ein schön Müsterchen!“ Die Frau wurde aber ängstlich und sprach: „Lasset uns machen, daß wir hier wegkommen, das bedeutet nicht viel Gutes;“ worüber die vermessene Dirne aber spöttisch lachte.
Endlich gingen sie zusammen weiter und das Mädchen konnte nicht aufhören zu spotten über das Gesicht, besonders, da ihre Gesellin ihr bemerkte, daß die Gestalt eine so geblümte Schürze und Ueberrock getragen, wie sie, die Dirne. Nicht lange nachher genas das Mädchen eines unehlichen Kindes, und da sie fürchtete, daß dadurch eine Heirath, die eben im Plane stand, rückgängig wurde, ermordete sie dasselbe, meinte also ihr unzüchtig Treiben vor der Welt verborgen zu halten.
Es hatte aber jemand gesehen, wie sie das todte Kind unter die Erde scharrte, und der zeigte das der Obrigkeit an, worauf das Mensch des Todes schuldig erklärt und öffentlich enthauptet wurde.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
