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Die Geisterschau in Lübeck
Krantzius 1. 8 Vandaliae, cap. 29. Thyraeus de lovis infestis. p. 74.
Im Jahre 1351 wüthete in Deutschland eine große Pest und da ist es geschehen im Kloster der Predigerherren zu Lübeck, daß der Bruder, welcher die Küche zu besorgen hatte, in einer Nacht ein Geräusch in dem Gasthause hörte. Gleich darauf vernahm er eine Stimme am Küchenfenster, welche sprach: „Koch, steh auf und mach das Essen fertig für die Brüder, die fortgehn wollen.“ Darauf fragte er: „Wie viel sind deren denn?“ und die Stimme antwortete: „Sechs und dreißig aus dem Kloster und zwei Gäste, die mit ihnen verreisen.“ Verwundert über diesen Ruf bei Nacht und Unzeit, erhob er sich aus dem Bette und schaute durch ein kleines Loch in das Gasthaus. Da sah er nun gerade so viel Brüder um den Tisch sitzen, aber die trugen alle weiße Kleider und hatten die Stirn mit einem weißen Tuch umwunden, gerade wie man das den Gestorbenen zu thun pflegt. In Schauder und Schrecken kehrte der Bruder wieder in sein Bett zurück. Als aber alles sich also zugetragen und die Sechsunddreißig alle todt waren, da hat der Koch alles öffentlich erzählt.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
