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Krötenstein
Weber, Quellen der Unterredungskunst. I, S. 430 S. de Vries, Histor. Ocean S. 569
Am 27. Juli 1473 ging ein Mann aus Hopstag, Namens Berthold Gratter, gegen Mittag in einen nahen Busch, das Diepacher Thal genannt, um daselbst Holz zu hauen. In dem Walde angelangt, hörte er an dem hindurchfließenden Bache ein stark Gezische, Pfeifen und ähnlich sonderlich Geräusch, stand deßhalb von ferne still und schaute nach der Gegend hin, von wo er es hörte. Da sah er denn eine unglaubliche Menge von Schlangen, Nattern, Kröten und anderm giftigen Ungeziefer, welche alle auf einem Haufen durcheinander und übereinander krochen; es waren ihrer so viel, daß man eine große Tonne damit hätte füllen können. Zu ängstlich, um näher zu treten, steckte er nur einen Stock in die Erde, um die Stelle zu zeichnen, und entfernte sich still. Noch zweimal kehrte er am selben Tage zurück, um zu sehen, ob das Schlangengezicht noch nicht gewichen wäre, er fand sie aber noch da, ging darum nach vollendeter Arbeit nach Hause, wo er die Sache für sich hielt und keinem Menschen auch nur das leiseste Wortlein davon sagte. Drei Tage nachher endlich ging er noch einmal auf die Stelle und sah denn, daß die Schlangen alle weg waren; nur eine todte Schlange noch fand er und daneben eine getödtete Kröte, beide umgeben von dickem leimartigen Schleim. Neben der Kröte fand er einen sogenannten Krötenstein, der ihm nicht wenig Freude machte; er nahm ihn auf, reinigte ihn und trug ihn mit sich nach Hause, in der Hoffnung, daraus einigen Nutzen zu ziehen. Und darin betrog er sich nicht, denn diese Steine sind ein vortrefflich Mittel gegen alle vergifteten und entzündeten Geschwülste und Beulen. Der Mann machte ihn nur in einem Säckchen warm und rieb alsdann damit über die wunde Stelle. Noch ist der Stein in Besitz der Familie, deren Aeltester ihn jedesmal in Verwahr hat und ihn auch nur gegen eine große Summe Geldes ausleiht.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
