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Von der Mahr befreit
Caesar. heisterbac. dial. mirac. II. с. 8.
In der Pfarre des heiligen Remig zu Bonn lebte ein Priester, der eine schöne Tochter hatte; er hieß Arnoldus. Da er dieselbe über Maßen liebte und stets Verführung von Seiten der Kanonichen fürchtete, so schloß er sie jedesmal sorgfältig ein, wenn er sein Haus verließ.
Eines Tages erschien dem Mädchen ein schöner Mann und der beredete sie zu seiner Liebe und sagte ihr so viel Schmeichelworte, daß sie ihm ihre Gunst schenkte. Das dauerte so einige Zeit fort; als der Priester aber einmal wiederkehrte und in das Gemach des Mädchens trat, fand er sie in Thränen und Schluchzen und fragte mit väterlicher Besorgniß, was ihr fehle. Da bekannte sie Herrn Arnold alles und wie sie von dem argen Geiste verführet worden, und das ergriff sie so sehr, daß sie ihren Verstand darüber verlor. Der trübe Vater wußte kein anderes Mittel, als sie auf die andere Seite des Rheines zu schicken, denn er dachte sicherlich, daß der Fluß die Mahr abhalten wurde, noch ferner dem Mädchen etwas anzuhaben. So that er auch, aber kaum war das geschehen, als der Geist ihm erschien und zu ihm sprach: „du arger Priester, warum hast du mir mein Weib genommen? Wahrlich, das ist dein eigener Schaden!“ Und mit den Worten stieß er den Mann dermaßen auf die Brust, daß derselbe alsbald Blut spie und am dritten Tage nachher starb.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
