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Abrahel
Le livre des prodiges. p. 97.
Im Jahre 1581 hat sich zu Dalhem, einem Dorfe zwischen der Mosel und der Saar, folgende merkwürdige Geschichte zugetragen.
Der Hirte des Dorfes, ein Mann, der Frau und Kind hatte, faßte eine glühende Liebe für ein junges Mädchen aus seiner Nachbarschaft. Eines Tages, wo grade all sein Sinnen und Denken auf sie gerichtet war, erschien sie plötzlich vor ihm im Felde, oder vielmehr nicht sie, sondern ein Geist in ihrer Gestalt. Der Hirte bekannte ihr seine Liebe und sie empfing das Geständniß mit Freuden unter der Bedingung, daß er sich ihr übergebe und ihr in allen Dingen gehorche. Der Hirte war deß sehr zufrieden und that seinen Willen mit ihr. Einige Tage später verlangte Abrahel, denn diesen Namen hatte der Geist angenommen, daß er ihr sein einzig Söhnchen opfere, als Pfand seiner Liebe, und sie gab ihm einen Apfel, damit er das Kind davon essen lasse. Der Knabe hatte aber kaum hineingebissen, als er todt hinstürzte. Man kann leicht denken, wie untröstlich Vater und Mutter darob waren.
Am andern Tage stand Abrahel wieder vor dem Hirten und versprach ihm, daß sie dem Kinde das Leben zurückgeben wolle, wenn er ihr diese Gnade auf den Knien und, sie gleich Gott anbetend, abflehen wolle. Der Hirte warf sich augenblicklich auf die Knie, betete sie an und das Kind erwachte in derselben Minute zum Leben. Es öffnete die Augen, man wärmte es, rieb ihm die Glieder und es begann zu gehen und zu sprechen; kurz, es war ganz, wie vordem, nur magerer, blasser, eingefallener; die Augen waren matt und lagen gar tief; seine Bewegungen waren langsam und schwerfällig, sein Geist dumpf.
So blieb es ein Jahr lang, da hörte man eines Tages plötzlich einen großen Knall, zugleich sank der Knabe hin und man sah, daß sein Leib ganz faul und von Würmern zerfressen war; er stank auch unerträglich. Der böse Geist, welcher denselben belebt, hatte ihn nämlich verlassen. Man zog ihn mit einer Mistgabel aus des Hirten Hause und begrub ihn ohne Gebet und Gesang in ungeweihte Erde.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
