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sagen:deutschemaerchenundsagen357

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Andreasnacht

  Erasmi Francisci höllischer Proteus. S. de Vries, de Satan. II, 376

Ein vornehmes Mädchen erzählte häufig Folgendes: Als sie kaum zwölf Jahre zählte, rieth ihr eine Magd, sie solle sich in der Andreasnacht ganz allein bei dem Herde niedersehen und das Vaterunser rückwärts hersagen, dann werde ihr zukünftiger Bräutigam ihr erscheinen. Das Mädchen that solches und augenblicklich öffnete sich die Kuchenthüre und eine weiße Gestalt trat herein. Sie meinte, es wäre die Magd, welche ein weißes Leinentuch umgehangen, um sie damit zu erschrecken, rief darum: „Du Närrin, meinst du, ich wußte nicht, wer du bist?“ Aber das weiße Bild trat ihr näher und sie sah, daß dessen Angesicht todtenbleich war, wie das einer Leiche. Da schrie sie in ihrer Angst und rief die Magd, welche draußen stand, ihr zu Hülfe zu kommen; zugleich wich die weiße Gestalt in eine Ecke zurück und verschwand. Die Magd eilte herbei und beruhigte sie, sagte, sie habe nichts zu fürchten. Das Mädchen erzählte nun von ihrem Gesichte und die Magd legte das so aus, daß ihr Bräutigam der Tod sein werde. Nachdem hat dies Mädchen immer sehr tugendsam und fromm gelebt, auch ein Alter von siebenzig Jahren erreicht. Mehre Male wurde sie zur Ehe gefragt, aber immer ging das wieder hinter sich und kamen Mühen und Beschwernisse dazwischen, so daß sie bis zu ihrem Tode unverheirathet blieb

Quelle: Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845


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