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Der Doppelbuckel zu Calkaer
Mündlich aus Wettern
Zu Calkaer (in Ostflandern) wohnte ein Buckel, ein lustig Kerlchen und dem Spiele sehr ergeben. Der war eines Tages in ein nahes Dorf gegangen und dort bis zum späten Abend geblieben. Auf dem Heimwege fand er eine Herberge, die er sonst nie gesehen, ging hinein und sah, daß die Stube voll munterer Gäste war, die spielten und sangen. Er setzte sich alsbald zu einer Gruppe von Spielern und spielte so wacker drauf zu, daß er nicht nur sein Geld verlor, sondern auch Jacke, Weste, Stiefeln und Strümpfe und selbst die Hose; nur das Hemde blieb ihm übrig. „Nun ist es Zeit, daß ich mich nach Hause begebe,“ sprach er zu sich selbst „denn lauf' ich ohne Hose am hellen Tag umher, dann lacht man mich aus,“ und er nahm Abschied von seinen Spielgenossen und machte sich auf den Weg. Noch war er keine hundert Schritte weit, als er an einem kleinen Hügel eine Menge von Katzen fand, die im Kreise herumsprangen und sangen:
Pfot' an Pfot',
Schwanz an Schwanz,
Kätzchen tanzt'
nen lustigen Tanz.
Als sie ihn sahen, sprach eine der Katzen zu ihm: „Tanz mit, tanz mit, Freund!“ und der Buckel ließ sich das nicht zweimal sagen, griff die Pfoten der Katze und walzte mit ihr; die andern sahen das nicht, ohne herzlich zu lachen, denn er sprang so tapfer, daß sein Buckel wackelte und schlotterte. Als er ausgetanzt hatte, fragte eine große Katze: „Wollen wir ihm nicht seinen Lohn dafür geben?“ - „Gewiß, gewiß,“ antworteten die andern und sie nahmen ihn und setzten ihn auf den Hügel mit dem Rücken gegen eine Grube und die große Katze rief: „Schlagt ihn ins Gesicht, daß ihm sein Buckel abfällt.“ Im selben Augenblicke fühlte er einen Schlag auf dem Backen und zugleich rollte sein Buckel in die Grube; hocherfreut dankte er den gütigen Katzen und lief, was er konnte, nach Hause.
Am andern Morgen, als er ausging, kannte ihn fast kein Mensch mehr, denn keiner konnte begreifen, wie er seinen Buckel los geworden, am wenigsten sein neidischer Nachbar, der auch bucklig war, wie er einst; der quälte ihn so lange mit Fragen und Bitten, bis er von der Herberge und den Katzen erzählte.
„Nun werde ich meinen Buckel auch bald los sein,“ sprach der Nachbar und schritt Abends lustig auf die Herberge zu; da fand er dieselbe Gesellschaft, setzte sich zu ihr und verspielte auch Jacke, Weste, Stiefeln und Strümpfe; dann aber hörte er auf, denn seine Hose hatte er erst seit acht Tagen neu gekauft und die dauchte ihm zu kostbar, als daß er sie im Spiele darangeben sollte. Kaum aus der Thüre sah er schon die Katzen tanzen, ging auf sie zu und wurde auch zum Tanz eingeladen: „Ja, ein Sprünglein will ich wol mitspringen,“ sprach er, aber es muß nicht lang dauern, denn mein Buckel ist nicht leicht.„ Die Katze sprang mit ihm herum, aber er trat ihr jeden Augenblick auf die Füße, oder er stolperte oder machte anders eine Ungeschicklichkeit, wurde deß auch bald mäde und stand still und wollte nicht mehr tanzen. „Wollen wir ihm nicht seinen Lohn geben?“ fragte die große Katze wieder und die andern fingen an zu lachen und riefen: „Gewiß, gewiß! Vollauf, vollauf!“
Nun führten sie ihn auch auf den Hügel, stellten ihn aber mit dem Gesicht nach der Grube; dann sprach die große Katze: „Schlagt ihm ins Gesicht und seht ihm einen Buckel drunter,“ und augenblicks fühlte er mit dem Schlage etwas auf seine Brust sich sehen, und als er näher darnach griff, erkannte er zu seinem Schrecken, daß das ein zweiter Buckel war. Wüthend wollte er sich umkehren, um unter die Katzen zu fahren, aber die Dillekensjagd sauste schon durch die Luft davon und er stand im Dunkel allein. In dem Dorfe durfte er sich seit der Zeit nicht mehr sehen lassen, denn Alt und Jung neckte ihn und die Kinder liefen ihm zischend auf der Straße nach; er zog also weg und man weiß nicht, wo er geblieben ist.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
