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sagen:deutschemaerchenundsagen348

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Die zwei buckligen Musikanten zu Aachen

  Mündlich
  Alfr. Reumont Aachens Liederkranz und Sagenwelt. S. 333.

Am Tage Sankt Matthai im Jahre 1549 kam ein armer buckliger Spielmann spät in der Nacht von einem Dorfe zurück, woselbst er bei einer Hochzeit aufgespielt hatte. Halb im Taumel bekümmerte ihn weder Zeit noch Ort und so ging er denn wohlgemuthet am Münster vorbei, als eben die Thurmglocke Mitternacht brummte. Da aber erschrak er umsomehr, als er nun hörte, wie spät es in der Nacht sei und dazu sich in der Luft ein seltsames Geschwirr, wie von Eulen- und Fledermausflügeln vernehmen ließ. Schnellen Schrittes eilte er, dem Graus der Geisterstunde und ihrem Spuke zu entfliehen, und beugte schichtern in die Schmiedstraße ein, um durch sie zu seiner Wohnung zu gelangen, welche in der Jakobstraße gelegen. Was begegnete ihm aber, als er das Pervisch (Fischmarkt) betrat! Alle Fischbänke schimmerten von unzähligen Lichtern, welche weithin die dunkle Nacht erhellten; köstliche Speisen waren in goldenen und silbernen Schusseln aufgetragen und perlender Wein blinkte in großen Krystallkrügen. Um alles herum aber saß eine Menge der reichstgekleideten Damen und ließen es sich trefflich schmecken. Erschrocken drückte sich der Spielmann in eine Ecke, denn nun erinnerte er sich entsetzt der Quatembernacht und ihres Hexenspukes. - Doch es war zu spät: eine der zunächst sigenden Damen hatte ihn bereits bemerkt und führte ihn zum Tische. Dann aber sprach sie zu dem Spielmann, der mit vor Angst klappernden Zähnen und schlotternden Knien dastand: „Fürchte dich nicht und spiele uns eine lustige Weise auf; wir werden dir dessen Dank wissen.“ Und indem sie so sprach, reichte sie dem Zagenden einen Pokal, mit würzigem Weine gefüllt; dieser ermuthigte wundersam den Spielmann, der nun ihr nicht sobald den Becher, bis auf die Nagelprobe geleert, zurückgab, als er auch seine Geige zur Hand nahm und lustig zu siedeln begann.

Da wurden eilig die Bänke mit Allem, was darauf stand, bei Seite geschafft und die Damen, unter denen er manche vornehme Frau aus der Stadt zu erkennen glaubte, erhobeu sich allzumal bei dem Ton seiner Geige, und bald wirbelten die Paare durcheinander. Nun aber ging es immer schneller und schneller und der Spielmann geigte, wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, immer toller darauf los, so daß er mehrmals vermeinte, die Saiten müßten in tausend Stücke zerspringen und ihm Hören und Sehen vergehn. Indessen sausten die Paare noch immer durcheinander, während sein Arm kräftig den Bogen führte und sein Spiel von selbst aus einer Weise in die andere überging und oft so stark wurde, daß es ihn bedunkte, als sei ein ganzes Concert von Geigen und gellenden Flöten hinter ihm aufgestellt, welche alle in seine Tone einstimmten, und ihm das Ganze wie ein wirrer Traum vorkam.

Da summte endlich die Thurmuhr drei Viertel auf Eins und plötzlich hielten die Paare in sichtbarer Erschöpfung inne, alles wurde wieder mit einem Male ruhig und in seine vorige Ordnung gerückt. Unentschlossen stand aber der Spielmann da, nicht wissend, ob er bleiben müsse oder scheiden dürfe. Da trat die frühere Dame wieder zu ihm und sprach:„Braver Spielmann, du hast uns wacker vergnugt, darum soll dir auch nun des Lohnes werden.“Und da mit hatte sie ihm bereits sein Wamms ausgezogen, und ehe er noch recht zur Besinnung kommen konnte, war sie schon hinter ihn getreten und hatte ihm mit einem Griffe seinen Höcker abgenommen. Wer war froher, als unser erleichterter Spielmann! Dankdurchdrungen wollte er niederfallen vor seiner Wohlthäterin, da aber schlug es Eins und Damen und Lichter und Schusseln waren verschwunden und nur der Spielmann stand noch allein in der dunkeln Nacht. Der aber fühlte einmal nach seinem Rücken, denn ihm war es noch immer zu Muthe, als sei sein ganzes Abenteuer ein wirrer Traum gewesen. Doch nein, es war Wirklichkeit, er war gerade und schlank und sein Höcker verschwunden. Wer vermochte wo ldie Freude seines Herzens zu beschreiben, in welcher er nun nach seinem Wamms griff, das vor ihm auf der Erde liegen geblieben! Doch noch eine zweite Freude war ihm beschieden, denn als er dasselbe aufnahm, kam es ihm ungewohnlich schwer vor; und als er nach der Ursache dieser außergewöhnlichen Gewichtigkeit suchte, fand er dessen beide Taschen mit Geld gefüllt, und eilte als ein zweifach glücklicher Mann zu seiner Wohnung. Dort aber erkannte die harrende Frau ihren verwandelten Mann fast nicht mehr wieder, bis ihr seine Erzählung von dem Begegnisse der Nacht den Hergang erklärte. Da staunte die fromme Frau sehr und pries den Himmel, der das Alles noch so glucklich gefügt.

Am andern Morgen aber wurde die Geige, die all das Gluck in's Haus gebracht, unter das Bild des Schuhpatrones aufgehängt und fortan zum ewigen Gedächtniß für Kinder und Kindeskinder als ein Heiligthum bewahrt.

Des armen Spielmanns Glück wurde nicht sobald in der Nachbarschaft bekannt, als es auch viele Neider erregte, unter denen sich vorzuglich ein anderer ebenfalls buckliger Musikant durch seinen giftigen Groll auszeichnete. Seines vormaligen Gesellen nunmehriger Vorzug quälte ihn Tag und Nacht und richtete sein ganzes Sinnen und Trachten nur nach der Möglichkeit, es jenem gleich oder noch zuvor thun zu können. Deswegen übte er sich den ganzen Tag die schönsten Weisen ein und begab sich auf St. Gerhardi Nacht um die zwölfte Stunde nach dem Pervisch. Dort fand er auch richtig dasselbe Gelage und ward bald darauf zum Spielen aufgefordert; aber welch ein Unterschied! - Kaum hatte er in stolzem Selbstvertrauen seine lustig künstlichen Melodien angehoben und die Damen sich zum Tanze geschickt, als er auf einmal aus der Tanzweise in ein Sterbelied fiel und eine so traurige und herzbrechende Weise aufsiedelte, daß höllisches Gepfeife und Gezische sich um ihn erhob und die Paare sich trübselig darunter her bewegten. Der Spielmann aber, noch immer vermeinend, seine besten Melodien vorzutragen, musicirte tüchtig darauf los und erwartete, als der Tanz geendet hatte, nichts weniger, als einen noch reichern Lohn denn sein Vorgänger, trat daher, Rock und Weste ausziehend, keck zum Tische.

„Ei, ei, veste Frau!“ rief er spottisch, da er in der oben am Ehrenplake der Tafel sitzenden Dame die gestrenge Frau Bürgermeisterin zu erkennen glaubte, die hier in aller Pracht und Herrlichkeit dem sonderbaren Male präsidirte, was würde wol der Herr Gemahl sagen, wenn er Sie hier auf der Besenstielfestlichkeit anträfe? Aber lassen Eure Gnaden mich nicht allzulange hier ohne Lohn stehen, denn die Nacht ist kalt und es schlottern mir alle Knochen in der Herbstlust. Ich denke, mein Spiel ist doch wol noch eines bessern Preises werth, als das des Stumpers, der euch beim lekten Feste die Ohren gellen machte.“ Doch wie sollte er sich tauschen! Die Dame nahm im Nu den Deckel von einer der silbernen Schüsseln und ehe er sich's versah, klebte der darin aufbewahrte Hocker seines Gesellen vor seiner Brust.

So stand denn der Neidhard mit doppeltem Bollwerk umgeben und traute seinen Augen nicht, bis in einem Momente beim Schlage der Morgenstunde der Spuk verschwand und er sich unter zweifacher Last nach Hause trollen mußte.

Quellen:


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