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Das Paradies im Berge
Thom, Cantiprat. bonum univers. de apibus. 1. II. c. 57. §. 23 р. 555.
Als im Jahre 1231 Magister Conrad in Deutschland gegen die Ketzer predigte, wollte einer derselben den Meister zur Ketzerei verleiten; als er nun nach vielem Reden Conrad immer noch nicht überzeugen konnte, sprach er endlich zu ihm: „Du bist gar hartnäckig in deinem Glauben und hast doch in deinen Büchern kein einziges Zeugniß, worauf du sicher bauen könntest. Wolltest du meinen Worten aber vertrauen, ich führte dich zu Christus und seiner Mutter, daß du sie mit deinen leiblichen Augen schauen könntest.“ Der Meister ahnte alsbald einen Teufelstrug, doch wollte er sehen, was an der Sache wäre, und antwortete: „Könntest du das, dann müßte ich dir natürlich glauben.“ Darob war der Ketzer hocherfreut und setzte dem Meister Tag und Stunde fest, wo sie zusammen gehen wollten. Conrad gelobte zu kommen, kam auch, aber trug unter seiner Ordenskappe ein Büchslein mit einer geweihten Hostie bei sich.
Der Ketzer führte ihn nun in eine Berghöhle und da sahen sie einen ungeheuern Palast, der in wunderbarer Klarheit schimmerte. Als sie in den innern Theil dieses Palastes kamen, erblickten sie Throne, die leuchteten, als wären sie vom reinsten Golde gewesen; auf ihnen saß ein König, umgeben vom hellsten Glanze, und neben dem eine Königin von unendlicher Schönheit, die mit dem freundlichsten Blicke auf die Eintretenden schaute. Bu beiden Seiten der Throne standen Sessel und prachtige Stuhle, auf denen Greise saßen, die Patriarchen und Apostel schienen; den übrigen Raum füllten unzählige Scharen von Engeln. Kaum sah der Ketzer dies alles, als er auf sein Angesicht niedersiel und anbetend liegen blieb während langer Zeit. Meister Conrad aber stand stumm und verwundert da, denn was er da erblickte, das übertraf seine Erwartung.
Endlich erhob sich der Ketzer und fuhr ihn an: „Warum betest du nicht an, da du doch vor Gottes Sohne stehest? Gehe schnell und bringe ihm den Zoll deiner Verehrung, damit du aus seinem Munde des wahren Glaubens Geheimnisse erfährst.“ Da schritt der Meister alsbald näher, zog das Büchslein aus der Kutte und reichte es der Königin, die auf dem Throne saß, unter diesen Worten dar: „Bist du wahrhaft Christi Mutter, dann nimm hier deinen Sohn und ich werde dich als Gebärerin unseres Heiles erkennen und ehren.“Kaum aber hatte Conrad das Wort aus dem Munde, als die Erscheinung schwand und er mit dem Keker in so großer Dunkelheit saß, daß sie sich nur mit vieler Muhe wieder aus dem Berge herausfinden konnten. Der Ketzer sah nun den Teufelstrug ein und bekehrte sich.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
