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Priester zum Hexentanz entführt
Joa. Franc. Pici Comit. Mirandulae strix sive de ludificat, daem. dial. III. Argent. 1612. p. 151. Thyraei Daemoniaci h. e. de obsessis a spirit. daemon. homin. p. 167.
Zu den Zeiten Maximilians des Ersten lebte in den rhatischen Alpen ein gar frommer und gottesfürchtiger Priester. Der wurde eines Abends gerufen, einem fernwohnenden Kranken die Wegzehrung zu bringen; damit er nun um so schneller den Weg zurücklegen möchte, schloß er die Hostie in ein Büchschen, hing das an den Hals und bestieg ein Pferd, welches einen guten Trab ging.
Als er so ein Streckchen geritten war, da kam ihm Einer entgegen, der lud ihn ein, von dem Pferde zu steigen und ein Schauspiel zu schauen, wunderbarer, als je etwas gewesen wäre. Der Priester war unklug und neugierig genug, der Einladung zu folgen, und stieg vom Pferde, doch im selben Augenblicke fühlte er sich mit dem Andern in die Luft gehoben und dahergetragen bis auf die Spike eines hohen Berges: da sah er eine große und anmuthige Ebene, beschattet von schönem Baumwerk und umgürtet mit starrenden Felsen: in der Mitte derselben tanzten unzählige Reihen, spielte man Spiele aller Art und standen mit den ausgesuchtesten Speisen beladene Tische; liebliche Gesänge tonten dazu und kurzum es war da Ales, was nur eines Menschen Herz erfreuen kann. Der Priester stand noch ganz stumm darob, als der Geleitsmann wieder zu ihm trat und ihn fragte, ob er nicht der Königin seine Verehrung und ein Geschenk darbringen wolle? Die Königin nämlich saß auf einem hohen und prächtigen Throne und war schön und wohlgebildet über die Maßen. Alle nahten ihr nach der Reihe, warfen sich vor ihr nieder und reichten ihr ein Geschenk. Der Priester dachte bei sich, das könne Niemand anders sein, als Christi Mutter, die benedeite Jungfrau Maria und der könne er kein lieberes Geschenk bringen, als ihres lieben Sohnes heiligen Leib.
Als nun die Reihe an ihm war, da trat er auch gar demuthig zu ihrem Throne und legte ihr das Büchslein mit den Hostien auf den Schoos, aber im selben Augenblicke verschwand sie mit den andern Allen und den Priester umgab dickes Dunkel. Er rief Gottes Hülfe und Beistand an und suchte sich mit vieler Mühe einen Weg durch Wälder und Büsche und fand nach langem Wandern einen Hirten, von dem er erfuhr, daß er über hundert Meilen von dem Orte entfernt sei, wohin er die heilige Wegzehrung hatte bringen sollen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
