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Die fliegenden Hexen von der Peter - Heidens - Fahrt
Mündlich.
An der Dürme zwischen Sinai und Eraerde liegt eine Stelle, welche man Peter - Heidens - Fahrt nennt; die ist im Waeslande überall bekannt und berüchtigt wegen der sonderbaren Erscheinungen, die man Nachts daselbst sieht. Es erscheinen daselbst nämlich fliegende Hexen in der Gestalt schöner Bauernmädchen, die fliegen auf ein Wort Stunden weit über Land und haben schon manchem Reisenden auf alle mögliche Weise Schrecken und Angst eingejagt. Ein alter, achtzigjähriger Bauer erzählte u. a. Folgendes von ihnen.
Eines Nachts gegen elf Uhr mußte er noch über die Dürme, denn vor Sonnenaufgang wollte er zu Sankt Nicolas sein. Er schrie aus Leibeskräften nach dem Fährmanne, der auf der andern Seite des kleinen Flusses wohnte, aber wie er auch rufen mochte, der Fährmann blieb schlafen. Schon hatte er eine halbe Stunde lang also dagestanden, als er plötzlich jenseits ein Weibsbild am Ufer stehen sah, das sprach nur: „Ripp!“ und es stand auch schon neben ihm. „Ripp!“ wiederholte es und es stand wieder auf dem andern Ufer. Da ermuthigte der Bauer sich und sprach: „Es wäre kein schlecht Ding für mich, lieb Mädchen, könnt' ich so schnell wie du über das Wasser kommen.“ Da sprach das Weibsbild: „Ei, dann sprich nur Ripp und du bist hier bei mir.“ Der Bauer erwiderte: „Wenn ich denn aber nun zweimal Ripp sage, was dann?“ - „Ach,“ sprach die Andere, „dann wirst du schon eine halbe Stunde näher der Stadt.“ - „Das will ich doch einmal versuchen,“ sprach er und rief: „Ripp, Ripp!“ und sogleich flog er über Wald und Wiese pfeilschnell dahin; in seiner Angst trachtete er zu Boden zu kommen, meinte, er musse auch dafür nun das Wort aussprechen und hielt sich dran: „Ripp, Ripp Rrrrrrrrripp!“ Aber da kam er schon an, denn er flog Stunden weit immer fort und fort, bis er endlich in einer Haide zu Boden fiel, daß er meinte, er habe keine Rippe im Leibe ganz behalten. Zugleich hörte er ein schallend Gelächter hinter sich; er sah um, aber schon war Alles verschwunden.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
