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Teufel holt den Ungehorsamen
Caesar. heisterbac. dial. mirac. V. c. 4.
Ein ander Mal hatten mehre Jünglinge aus Baiern, die in Toledo die schwarze Kunst studirten, den Meister Philipp wieder so lange gequalt, bis er ihnen das Versprechen gab, den Teufel für sie zu beschwören. Er führte sie also zu passender Stunde in das Feld und zog den Kreis mit dem Schwerte um sie, schärste ihnen aber ein, daß sie nicht den Kreis überschreiten, keinem etwas geben und ebensowenig von einem etwas nehmen souten. Nachdem der Meister kaum sich entfernt hatte, kamen Ritter und führten Spiele bei dem Kreise auf und turnierten lustig; als sie das eine Zeitlang getrieben hatten, liefen sie mit ihren Lanzen und Schwertern gegen die Junglinge an, um sie aus dem Kreise zu jagen, aber diese waren zu klug, um sich so leicht bange machen zu lassen. Plötzlich verschwanden die Ritter und es standen an ihrer Stelle liebreizende Jungfrauen; die tanzten um den Kreis herum und suchten die Jünglinge zu verlocken. Vor Allem war eines der Mädchen von ungemeiner Schönheit; dieses schien sich einen der Jünglinge beson ders erkoren zu haben, denn so oft es im Tanze an ihm vorbeistrich, nickte es ihm freundlich zu und bot ihm einen goldenen Ring. Dadurch ließ der Ungluckliche sich endlich verleiten und hielt ihr den Finger über den Kreis hin, damit sie ihm den Ring anstecke; aber sie faßte ihn an dem Finger und er verschwand mit dem Mädchen in einem brausenden Wirbel. Als die Andern das sahen, schrien sie jämmerlich und klagten dem herbeistürzenden Meister, wie ihr Genosse von den Geistern entführt wor den sei. Da sprach der Meister: „Sehet ihr nun, daß ich euch wohl rieth; der ist verloren und ihr sehet ihn nicht wieder. „Ein solcher Trost behagte den Jünglingen wenig und sie drohten dem Meister, daß sie ihn ermorden würden, schaffe er ihnen den Gesellen nicht zus ruck. Philipp kannte die Baiern zu wohl als ein entschlossenes und heftiges Volk, als daß er nicht Alles von der Drohung gefürchtet hatte, darum suchte er einstweilen die Sache auszustellen und sprach: „Ich will es versuchen und ist irgend noch Hoffnung, ihn zu retten, dann soll er gerettet werden.“
Er rief alsdann einen der Geister zu sich und erzählte diesem, wie die Jünglinge ihn tödten wollten, wenn er den Geraubten nicht wiederschaffe, und der Geist ließ sich erbitten und sprach: „Morgen werde ich einen Rath an dem und dem Orte zusammenrufen und da soll Alles abgemacht werden. Komm also dahin und wir wollen sehen.“Als die Sache nun zur Verhandlung kam, da erhob sich sogleich ein Gegner und der sagte, der Jüngling sei den Geistern verfallen, denn er habe dem Meister nicht gehorsamt und das Gesek des Kreises übertreten. Andre meinten aber, man müsse ihn doch freilassen, um des Meisters Leben zu schützen, und so ging das lange fort, bis der Vorsiker sich an einen wandte, der unmittelbar neben ihm saß und den fragte: „Oliver, so sage du mir, was denn hier zu thun ist.“ Oliver stimmte für die Freilassung des Junglings und bald darauf wurde derselbe auch dem Meister zurückgegeben. Das was er alles gesehen, hatte ihn aber so ergriffen, daß er nicht lange nachher in ein Kloster ging, wo er auch starb.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
